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Gehler, J. S. T. Physicalisches Wörterbuch |
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| Versteinerung |
Die Operation, wodurch die Natur aus lockerm Sande, Trümmern organisirter Körper u. dergl. mit der Zeit Steine bildet. Es ist hiebey nicht die Rede von Entstehung aller Steine überhaupt (Lapidification), wozu die Natur gewiß mehrere und von einander ganz verschiedene Mittel angewendet hat; das Wort Versteinerung bezieht sich blos auf diejenige Wirkung, wodurch erdigte Substanzen, die vorher in einzelne Theile zertrennt, oder nur in lockerm Zusammenhange waren, nach und nach, vornehmlich durch den Zutritt der Feuchtigkeit, in zusammenhängende feste Steinmassen verwandlet werden.
Es ist bey dem Worte Cohäsion (Th. I. S. 519) bemerkt worden, daß die Körper bey unmittelbarer Berührung desto stärker zusammenhängen, je größer ihre sich berührenden Flächen sind, oder je mehr die Anzahl ihrer Berührungspunkte anwächst. Nun stelle man sich eine Schicht von Sand oder erdigten Trümmern vor, durch welche sich Wasser durchseihet. So lang sich die Sandkörner nur an wenigen und kleinen Stellen berühren, ist ihr Zusammenhang kaum merklich. Giebt es aber darunter verschiedene Sorten kleinerer Körner, oder liegt über dieser Sandschicht eine andere seinere, so führt das Wasser nach und nach kleinere Körner zwischen die großen, und noch kleinere zwischen jene: dadurch werden die Berührungspunkte vermehrt, die Cohäsion wird verstärkt, und endlich wird die ganze Masse Stein. Es ist schon dort (Th. I. S. 520) angeführt, daß wir auf eben die Art unser Mauerwerk bereiten, und daß die sogenannte Breccia (zusammengebacknes Gestein) eine Art von natürlichem Mauerwerk ist. Diese Erklärung ist wenigstens begreiflicher, als die durch einen versteinernden Saft, der im Grunde so etwas ist, wie die einschläfernde Kraft des Opiums beym Moliere, und die Qualitäten der Scholastiker.
Herr de Lüc fand in Piemont Sandhügel, die selbst nicht versteinert sind, aber viel versteinertes Holz und Muscheln mit Steinkernen enthalten. Hier scheint die Feuchtigkeit nur einen feinen Staub mit sich zu führen, der sich im Sande, wo der Weg frey ist, nicht absetzt; dahingegen in den Canälen des Holzes und in dem feinern Sande der Muschelschalen ihr Lauf langsamer wird, und die Theilchen Zeit gewinnen, sich abzusondern und die Versteinerung zu vollenden.
In lockern Sandhügeln findet man häufig einzelne Sandsteine (grés), die aus dem Sande der Hügel zusammengesetzt sind. Diese Erscheinung erklärt sich aus dem an einzelnen Stellen aufgehaltenen Laufe der Feuchtigkeit. Lagen einige Sandkörner so, daß sie die Feuchtigkeit nicht durchließen, so fieng sich an Materie daselbst abzusetzen. Diese versperrte den Weg noch mehr, die Feuchtigkeit machte neue Absätze darüber, verband noch mehr Sandkörner damit, und so entstanden mitten im lockern Sande diese Concretionen. Sie haben gewöhnlich eigne Gestalten, wozu die verschiedne Feinheit oder Gleichförmigkeit des Sandes Anlaß giebt. In einem Hügel in Piemont waren diese Sandsteine rund, wie Boßkugeln, an andern Orten findet man sie mit Ramificationen, oder als große Blöcke, die auf der Oberfläche gleichsam Basreliefs zeigen.
In Italien fand Herr de Lüc mitten in solchen Sandsteinen Conchylien, deren Kerne Agat waren, einige ganz ausgefüllt, andere nur inwendig mit Agatkrystallen überzogen: ihre Oefnung aber mit der versteinerten Materie des Hügels (einem harten grauen Sande) verstopft: an einigen war dieser steinerne Deckel übergetreten, wie ein über die Form ausgetretener Metallguß. Er erklärt sich die Entstehung so. Der Hügel ist mit der Materie des Agats durchdrungen, die wegen der Homogeneität ihrer Theile einen durchsichtigen Stein bildet, s. Durchsichtigkeit. Der Sand des Hügels füllte die Mündung der Conchylien aus; aber die Feuchtigkeit drang durch diesen Pfropf hindurch in die leeren innern Windungen, und führte die feine Materie mit sich ein, bis endlich die Mündung ganz verstopft und versteinert ward. Ist dies spät geschehen, so ist die ganze Schale mit Agat erfüllt; ist es früher erfolgt, so sind nur die Wände mit Krystallen überzogen. Dieser ganze fremde Körper hat nun auch den Umlauf der Feuchtigkeit von aussen gehindert, und so ist eine steinigte Rinde um die Schale, und endlich ein Sandstein entstanden. Ueberhaupt findet man in den meisten einzelnen Sandsteinen irgend einen fremden Körper, der die erste Veranlassung zu der Concretion gegeben hat.
Mehrentheils führt die Feuchtigkeit nur Kalkerde bey sich. Die daraus gebildeten Sandsteine und Steinkerne zerfallen im Scheidewasser, und werden dem Sande der Hügel gleich, in denen sie sich gebildet haben. Bisweilen ist die beygemischte Materie gypsartig, und bildet in den Muschelschalen eine Art von Alabaster. Manchmal sind Materien von verschiedener Art mit einander vermischt; wenn diese in organisirte Körper dringen, so füllen sich die weiten Gänge mit dem gröbern Stoffe, und der feinere dringt in die engsten Canäle ein. So hat man versteinertes Holz mit Agatadern durchzogen. Bisweilen ist die Materie kiesig, wie man z. B. in England Conchylien findet, die mit Kies überzogen sind, und aussehen, als ob sie von Bronze wären.
Bey Colbrokdale in Shropshire haben die Farrenkräuter nebst andern Pflanzen die Veranlassung zu eisenhaltigen Concretionen gegeben. Bey Scarborough in Yorkshire haben Ammonshörner zur ersten Anlage der Versteinerung gedient. Aus Grönland erhält man Sandsteine, deren Kerne kleine Fische sind, von denen noch die Skelette darin liegen, nach deren Gestalt sich auch der äußere Umriß des Steins gebildet hat.
J. A. de Lüc Physikal. u. moral. Briefe über die Gesch. der Erde und des Menschen, a. d. franz. Leipzig, 1781. gr. 8. Erster Band, XVIII. Brief, S. 121 u. f.