Gehler, J. S. T.
Physicalisches Wörterbuch


Theilbarkeit
Theilbarkeit, Divisibilitas, Divisibilité.

Das allgemeine Phänomen der Körper, vermöge dessen sich jeder zertrennen, oder in kleinere, übrigens dem Ganzen ähnliche, Körper zerstücken läst, wenn eine hinlängliche äussere Kraft dazu angewendet wird.

Schon die Begriffe von Ausdehnung und Porosität führen, mit einander verbunden, auf den Begrif von Theilbarkeit. Ausdehnung setzt mehrere Punkte oder Orte voraus, in welchen zu gleicher Zeit Materie eines Körpers vorhanden ist; Porosität drückt den Gedanken aus, daß diese Orte durch leere Stellen unterbrochen werden. Dies zeigt, daß das, was sich in dem einen Orte befindet, nicht mit dem einerley seyn kan, was am andern Orte ist, daß also die Materie nicht einfach, sondern aus Theilen zusammengesetzt ist, von denen man sich gedenken kan, daß ihre Verbindung und Zusammenhang durch hinlängliche Kräfte könne aufgehoben werden. Hiemit stimmt nun auch die Erfahrung überein. Diese lehrt uns, daß wir alle Körper, die nur nicht gar zu klein sind, wirklich in Theile zerlegen können, s. Theilung.

Daher verbinden wir den Begrif von Theilbarkeit mit unserm aus der Erfahrung gezognen Begriffe vom Körper überhaupt, gedenken uns keinen Körper anders, als theilbar, und zählen aus dieser Ursache die Theilbarkeit zu den allgemeinen Phänomenen oder Eigenschaften der Körper.

Zwar hat die wirkliche Theilung der Körper durch künstliche Mittel ihre Grenzen, und wir müssen endlich bey Theilen stehen bleiben, die sich durch alle unsere Geschicklichkeit nicht weiter zertrennen lassen. Die Natur übertrift hierinn die Kunst bey weitem, und ihre Theilungen übersteigen oft unsere Einbildungskraft; allein auch die Kunst vermag die Theilungen der Körper unglaublich weit zu treiben. Es wird hier der Ort seyn, aus den Schriften der Physiker einige Beyspiele von ungemein feinen natürlichen und künstlichen Theilungen anzuführen.

Von der Feinheit des Lichts, wenn man anders dasselbe für einen materiellen Stof annimmt, s. Licht (Th. II. S. 889.). Eben diese Bewandniß hat es mit andern hypothetischen Stoffen, z. B. dem Aether, Wärmestof, Phlogiston, der elektrischen, magnetischen Materie u. s. w., welche selbst bey der dichtesten Zusammendrängung nicht als palpable oder merklich wägbare Materien (ponderabilia) dargestellt werden können. Von der äussersten Feinheit gewisser Ausflüße von Blumen u. dergl. hat schon Boyle (Exerc. de mira subtilitate effluviorum in Opp. Genev, 1680. 4.) eine Menge merkwürdiger Beyspiele gesammlet, deren einige beym Worte Ausflüsse (Th. I. S. 216.) erwähnt werden. Einige Tropfen eines wohlriechenden Liquors langsam über dem Feuer einer Lampe verdampft, erfüllen große und hohe Säle an allen Stellen mit merklichem Geruch, und die Feinheit der Theile, in welche der Liquor hiebey getrennt werden muß, übersteigt alle Erwartung, wenn man sein Volumen in tropfbarer Gestalt mit dem körperlichen Raume vergleicht, durch den sich seine Ausflüße verbreiten.

Andere Beyspiele feiner Theilungen geben die Auflösungen und Niederschläge. Ein Gran Kupfer in Salmiakgeist aufgelöset, färbt 392 Cubikzoll Wasser mit einer sehr schönen blauen Farbe. Nimmt man an, in jedem Theilchen Liquor von der Größe eines Sandkorns, deren 1 Million auf den Cubikzoll gehen, befinde sich nur ein Theilchen Kupfer, so folgt, daß der Gran Kupfer in 392 Millionen Theile zertheilt sey. Man kan aber deren ohne Zweifel noch weit mehrere annehmen. Ein Gran Carmin färbt ebenfalls die vorige Menge Wasser roth, und zeigt also eine eben so feine Zertheilung. Aus einer sehr ansehnlichen Menge Wasser läst sich die geringste Menge von Eisenvitriol, welche etwa darinn enthalten ist, durch einen kleinen Zusatz von Galläpfeltinktur, oder andern zusammenziehenden Stoffen aus dem Pflanzenreiche, dergestalt niederschlagen, daß die ganze Masse trüb wird. Wenn sich der Niederschlag durch die Ruhe absondert, ist seine Masse oft so gering, daß man durch gehörige Rechnung seine Zertheilung in dem Zustande, da er das Wasser trübte, noch weit feiner, als in den vorigen Beyspielen, findet.

Von der Feinheit der Theilungen streckbarer Metalle, insbesondere des Goldes, s. Dehnbarkeit.

Ein einfacher Seidenfaden ist so dünn, daß er bey einer Länge von 360 Schuhen nur 1 Gran wiegt. Da nun der Zoll noch in 600, mithin der Schuh in 7200 Theile getheilt werden kan, deren jeder die Größe einer Haardicke hat, und also dem bloßen Auge noch sichtbar ist, so folgt, daß man durch Zerschneidung eines Fadens in solche Theile, einen Gran Seide im 360 X 7200 = 2592000 sichtbare Theile zertrennen könne.

In Wasser, das auf Pfeffer gegossen an der Sonne gestanden hatte, fand Leeuwenhoek durch seine Mikroskope Thierchen von dreyerley Größe, wovon die kleinsten nur den tausendsten Theil eines Sandkörnchens im Durchmesser hatten. Es giebt also Infusionsthierchen, deren körperlicher Inhalt nur den 1000000000sten Theil eines Sandkörnchens ausmacht. Dies sind demohnerachtet noch organisirte Körper, die also noch weit kleinere Glieder, Gefäße und Saftheile in denselben haben müssen.

Noch mehr Beyspiele und Berechnungen dieser Art findet man bey Keill (Introduct. ad veram physicam. Oxon. 1700. 8. Lect. V.), Wolf Vernünft. Gedanken von den Wirkungen der Natur. Halle, 1723. 8. S. 3. u. f.), Reaumur (Mém. de Paris, 1713. p. 270.), Nollet (Leçons de phys. exp. Leç. I.), Nieuwetyt (Rechter Gebrauch der Weltbetrachtung, durch Segner. Jena, 1747. 4. Cap. 26.), Musschenbroek (Introd. ad philos. nat. To. I. §. 72.), und was insbesondere die Auflösung des Phosphorus in Oelen betrift, (s. Phosphorus Th. III. S. 485.), in einer akademischen Schrift von Albinus (Diss. de Phosphoro solido et liquido. Frf. ad Viadr. 1688. 4.).

Die abstracte Ausdehnung, oder der geometrische Raum läst sich unstreitig ohne Ende theilen, weil diese Theilung nur idealisch ist, und im Begriffe vom Raum nichts liegt, was ihrer Fortsetzung jemals Grenzen setzen könnte. Ganz anders aber ist es mit der wirklichen Theilung der Materie beschaffen. Diese muß schon darum Grenzen haben, weil endlich die Theile so fein werden, daß sie allen unsern Sinnen entgehen, und keine weitere Möglichkeit der Behandlung zulassen.

Aber es bleibt doch noch die Frage übrig, ob die Materie an sich und ihrem Wesen nach nur bis auf eine gewisse Grenze, oder ohne Ende theilbar sey? Diese Frage hängt mit der Vorstellung zusammen, die man sich vom innern Wesen der Materie macht, und liegt also ausser dem Gebiete der Physik, s. Materie. Das atomistische System nimmt freylich erste untheilbare Bestandtheile der Körper an, welche selbst noch körperlich sind, und sich also wegen ihrer Ausdehnung, wenigstens in Gedanken, noch müsten theilen lassen, ob man gleich bey ihnen die physische Grenze der Theilung erreicht, s. Atomen. Die Monadologie hingegen sieht die Materie als ein bloßes Phänomen an, das aus der Verbindung mehrerer unkörperlicher Dinge entspringe. Nach dieser Vorstellungsart ist die Materie nur so weit theilbar, bis man auf einzelne Monaden kömmt; wäre nemlich diese Grenze erreicht, so würde das Phänomen der Materie gänzlich verschwinden. Fragt man, wie aus unkörperlichen Theilen dennoch körperliche Zusammensetzungen entstehen können, so antworten die Monadisten, daß daraus nicht Körper, sondern nur Phänomene entstehen, und daß überhaupt die Materie so, wie wir sie uns denken, nicht wirklich, sondern nur in unserer Vorstellung vorhanden sey. Dies alles läst sich nun weder behaupten, noch widerlegen: zum Glück aber bleibt die Naturlehre selbst, die sich blos an den sinnlichen Schein hält, bey allen diesen verschiedenen Meinungen über das Wesen der Materie, ungeändert.

Erxleben Anfangsgr. der Naturl. 4te Aufl. §. 23.

Gren Grundriß der Naturlehre, §. 36—38.