Gehler, J. S. T.
Physicalisches Wörterbuch


Sonnenflecken
Sonnenflecken, Maculae solares, Taches du soleil.

Man sieht in der Sonne von Zeit zu Zeit schwarze Flecken von unordentlicher Gestalt, oft einzeln, oft in größerer Anzahl. Ich werde dieses merkwürdige Phänomen am ordentlichsten abhandeln können, wenn ich zuerst von der Geschichte der Entdeckung der Sonnenflecken, dann von den beobachteten Erscheinungen derselben und von der daraus geschlossenen Umdrehung der Sonne um ihre Axe rede, zuletzt aber die vornehmsten Meinungen über die Natur dieser Flecken beyfüge.

Geschichte der Entdeckung der Sonnenflecken.

Man findet in einem ungenannten Annalisten des mittlern Zeitalters (Astronomi anonymi Annales Caroli M. in Io. Reuberi Collect. scriptorum rer. german. p. 27. sq.) beym Jahre 807 unter mehrern astronomischen Beobachtungen auch folgende erzählt: ”Et stella Mercurii XVI. Kal. April. visa est in Sole, quasi parva macula nigra, paulo superius medio centro ejusdem sideris, quae a nobis octo dies conspecta est. Sed quando primum intravit et exivit, nubibus impedientibus, minime notare potuimus.“ Da es unmöglich ist, den Merkur mit bloßen Augen und acht Tage lang in der Sonne zu sehen, so konnte dies wohl nichts anders, als ein großer Sonnenflecken, seyn Kepler (Paralipom. ad Vitell. p. 306.) nahm es dennoch für einen Durchgang des Merkurs, und ändert octo dies in octoties, mit dem Beysatz: ut ego lego barbare. Mästlin aber widerlegte schon 1606 diesen Einfall mit guten Gründen. Vielleicht lassen sich auch die Nachrichten des Arabers Abulfarag, daß im Jahre 535 die Sonne vierzehn Monate lang eine merkliche Verminderung des Lichts erlitten habe, und daß im Jahr 626 die ganze Helfte der Sonnenscheibe vom October bis zum Junius verdunkelt geblieben sey, aus großen und häufigen Sonnenflecken erklären.

Kepler glaubte am 28sten May 1607 ebenfalls den Merkur in der Sonne gesehen zu haben (Außführlicher Bericht von dem newlich 1607 erschienenen Haarstern. Hall in Sachsen 1608. 4. ingl. Phaenomenon singulare s. Mercurius in Sole. Lips. 1609. 4.). Als er aber hernach von den Sonnenflecken Nachricht erhielt, und fand, Merkur könne damals nicht in der Sonne gewesen seyn, bekannte er selbst, er habe geirret, und gab auch wegen der Stelle des Annalisten seinem Lehrer Mästlin Recht. Kepler hat also unter den Neuern zuerst einen Sonnenflecken gesehen, ohne ihn jedoch für das, was er war, zu erkennen. Er war nicht gleichgültig gegen diese Ehre, wie die von Hansch (Vita Kepleri, in Epistolis ad Kepl. scriptis. Lips. 1718. fol. p. XXI.) aus der Vorrede seiner Ephemeriden von 1616 angeführte Stelle zeigt. Hier schreibt er unter andern: ”Felix hoc ipso, quod primus hoc seculo macularum observator,“ und vergleicht sich mit dem Marius, der die Jupitersmonden auch zuerst gesehen habe, ohne sie zu kennen. Uebrigens war Keplers Beobachtung an einem im verfinsterten Zimmer aufgefangenen Sonnenbilde mit bloßen Augen gemacht.

Bald nach Erfindung des Fernrohrs erblickten mehrere Beobachter die Sonnenflecken fast zu gleicher Zeit. Johann Fabricius, dessen Vater, David, Prediger zu Ostell in Ostfriesland, und selbst Beobachter war, brachte von einer Reise durch Holland ein Fernrohr mit, durch welches er, nebst seinem Vater, die Sonne mit bloßen Augen betrachtete, ohne weitere Vorbereitung, als daß sie dieselbe anfänglich an den Rand des Gesichtsfeldes, und von da erst nach und nach in die Mitte führten. Dadurch entdeckte der Sohn Flecken, und schloß aus ihrer Bewegung sogleich die Umdrehung der Sonne um ihre Axe. Es ist zu bedauern, daß er den Tag der ersten Beobachtung nicht angiebt; seine Schrift aber, die er im Junius 1611 zu Wittenberg drucken ließ, ist unter allen, die von diesem Gegenstande handeln, unbezweifelt die erste. (Io. Fabricii Phrysii de maculis in Sole observatis, et apparente earum cum Sole conversione narratio. Witeb. 1611. 5 1/2 plag. 4.) Auch gesteht ihm Kepler in der Vorrede der Ephemeriden von 1616 den Ruhm der ersten Entdeckung entscheidend zu. Fabricius erwähnt in seiner Schrift, daß er noch vor seiner Reise nach Wittenberg allein einen grossen Sonnenflecken entdeckt, seinen Vater dazu gerufen, und sich seit dem Anfange des Jahres 1611 die Umwälzungen der Flecken angemerkt habe, daher man die Zeit der Entdeckung gegen das Ende des Jahres 1610 zu setzen hat.

Im März 1611 wurden diese Flecken zu Ingolstadt von dem dasigen Professor der Mathematik, dem Jesuiten Christoph Scheiner, wahrgenommen, welcher die Sonne, wenn sie hinter dunnen Wolken stand, durch ein Fernrohr beobachtete. Er zeigte diese Erscheinung seinem Collegen dem P. Cysatus am 21. März und bediente sich in der Folge blauer Gläser, um den Glanz der Sonne zu schwächen, bis er endlich die im Artikel Helioskop beschriebene Vorrichtung erfand. Diese setzte ihn in Stand, die Erscheinung mehreren seiner Ordensbrüder zu zeigen, so daß sich der Ruf davon bald verbreitete. Weil man aber die Sonne nach der damaligen aristotelischen Physik für den vollkommensten Körper und das reinste Feuer hielt, so wollte der Provincial des Ordens Theodor Busäus die Entdeckung von Flecken in derselben nicht ohne Behutsamkeit bekannt machen lassen. Scheiner schickte daher die Nachricht von seinen ersten Beobachtungen an den gelehrten Patricier in Augspurg Marcus Welser, der sie ohne Mitwirkung des Verfassers drucken ließ (Tres epistolae de maculis solaribus scriptae ad Marc. Velserum, cum observationum iconismis. Aug. Vindel. 1612. 2 plag. 4.). Diese Briefe sind vom 12 Nov., 19 und 26 Dec. 1611; im letzten unterzeichnet sich Scheiner: Apelles latens post tabulam. Darauf folgte eine Fortsetzung der Beobachtungen (De maculis solaribus et stellis circa Jovem errantibus accuratior disquisitio ad Marc. Velserum perscripta. Aug. Vind. 1612 4.52 S. mit 12 Kupf.), wo der dritte vom 25 Jul. 1612 datirte Brief mit: Apelles latens post tabulam, vel si mavis, Vlysses sub Ajacis clypeo unterzeichnet ist. Als Scheiner nachher nach Rom berufen ward, setzte er daselbst seine Beobachtungen mit bewundernswürdigem Fleiße fort, und beschrieb sie nebst den Folgerungen daraus in einem großen und schätzbaren Werke (Rosa Vrsina, s. Sol ex admirando facular. et macular. suar. Phaenomeno varius, nec non super polos proprios mobilis, a Chr. Scheinero, Germ. Suevo e S. J. Bracciani 1630. fol.), welches über 2000 Beobachtungen abbildet, und von den Astronomen mit ausgezeichnetem Beyfall aufgenommen ward (Scheinerus meliorum observationum desperatione et se et solem ipsum vicit. Ricciol. in Almag. novo).

Auch Galilei machte Ansprüche darauf, die Sonnenflecken gesehen zu haben, ehe ihm Scheiners Entdeckung bekannt geworden sey. Welser hatte die Briefe des Apelles am 6 Jan. 1612 von Augspurg an ihn gesendet. Er machte einige Erinnerungen darüber (Istoria e dimostrationi intorno alle macchie solari dal Sign. Galileo Galilei, in Roma, 1613. 4. und in den Opere di Galileo, Bologn. 1655. Vol. II.), und behauptete, Scheiner habe von seinen ältern Beobachtungen zuerst Nachricht gehabt, wogegen sich aber dieser in der Vorrede zur Rosa Vrsina sehr gründlich vertheidiget hat. Erscheinungen der Sonnenflecken.

Man beobachtete ehedem die Sonne durch Dünste am Horizonte, oder durch dünne Wolken; Fabricius sahe sogar durchs Fernrohr ohne alle Vorbereitung hinein, mit Gefahr seiner Augen. Alles dies ist weder sicher, noch bequem genug. Sonnenbilder, im verfinsterten Zimmer aufgefangen, deren sich Kepler bediente, fallen ohne weitere Veranstaltung entweder zu klein, oder zu matt aus. Scheiner verbesserte nachher dieses Verfahren, indem er das Sonnenbild beobachtete, wie es sich auf einer Ebne hinter dem Fernrohre darstellt, s. Helioskop. Nach dieser Methode sind von ihm und nachher von Heveln (Selenograph. Append. p. 500. sq.) Beobachtungen und Abbildungen von Sonnenflecken in großer Anzahl gemacht worden. Jetzt betrachtet man doch lieber die Sonne selbst durch Fernröhre, und schwächt ihr Licht mit Gläsern, die entweder durch den Rauch einer Lampe oder Kerze geschwärzt, oder sonst stark gefärbt sind. Es ist dazu genug, das Augenglas eines Fernrohrs über der Lampe so lang anlaufen zu lassen, bis es ganz fchwarz und für gewöhnliche Gegenstände undurchsichtig wird; alsdann zeigt sich die Sonnenscheibe dadurch mit einer dunkelrothen Farbe dem Auge ganz unschädlich. Insgemein sind die astronomischen Fernröhre mit besondern stark gefärbten Plangläsern versehen, die man vor das Augenglas vorschraubt, wenn man die Sonne beobachten will. Auf diese Art läßt sich der Stand der Flecken in der Sonnenscheibe durch Mikrometer oder astronomische Netze sehr genau bestimmen. Die gefärbten Gläser hat Scheiner schon gebraucht, und dem damit versehenen Fernrohre damals den Namen des Helioskops gegeben (s. Weidler Progr. Helioscopia emendata et illustrata. Viteb. 1734. 4.)

Die meisten Sonnenflecken erscheinen in der Mitte schwarz, am Rande mit einem bräunlichen oder weißgrauen Nebel umgeben. Diesen Nebel (atmosphaera) vergleicht Hevel (Proleg. Selenogr. 84.) mit dem Flecken, welchen der Hauch aus dem Munde auf einem Spiegelglase macht und sagt, bisweilen erscheine er auch gelbgrau (instar halonis). Oft erscheinen solche Nebel oder Schattenflecken (umbrae) ganz allein, ohne schwarzen Kern, und breiten sich zuweilen in sehr große Flächen aus. Hevel sahe einen solchen im Julius 1643 (Selenogr. App. p. 506.), der fast den dritten Theil des Sonnendurchmessers einnahm. Aus solchen Schattenflecken entstehen in der Folge einzelne dunkle Flecken, wie Hevel im August 1643 wahrnahm.