Gehler, J. S. T.
Physicalisches Wörterbuch


Nebensonnen
Nebensonnen, Parhelii, Parhelia, Parélies ou Parhélies.

Bilder der Sonne, welche sich bisweilen noch ausser der wahren Sonne am Himmel zeigen, meistens durch einen hellen, auch wohl gefärbten, Kranz oder Ring, untereinander verbunden sind, oder auch schweifähnliche Stücken eines solchen Kranzes an sich haben. Man sieht dergleichen Bilder auch vom Monde, s. Nebenmonden. Beyde werden zu den glänzenden oder optischen Lufterscheinungen gerechnet, s. Meteore.

Unter den Alten erwähnen die Nebensonnen Aristoteles (Meteor. III. 2.) und Plinius (H. N. II. 32.), der letztere mit Benennung der Consuln, unter welchen im römischen Reiche dergleichen gesehen worden. In neuern Zeiten zog das sogenannte römische Phänomen, das Scheiner am 20 März 1629 beobachtete, die Aufmerksamkeit der Naturforscher auf sich. Jch entlehne die Beschreibung desselben aus Descartes (Meteoror. C. X. §. 6.).

Taf. XVII. Fig. 61. ist A der Beobachter zu Rom, B sein Zenith, C die wahre Sonne, AB die Verticalfläche durch die Sonne. Die Kreise muß man sich auf einer künstlichen Himmelskugel, welche von aussen betrachtet wird, gezogen vorstellen. Um die Sonne C erschienen zween unvollkommne concentrische Ringe mit Regenbogenfarben, der innere DEF vollkommner, aber doch bey DF unterbrochen und offen, ob er sich gleich bisweilen zu schließen schien; der äussere GHI weit blässer und oft kaum merklich. Ein dritter sehr großer und ganz weisser Ring KLMN erschien ununterbrochen, doch war er zuletzt von M bis N schwächer, und fieng an daselbst zu verschwinden. In den gemeinschaftlichen Durchschnitten dieses Ringes mit dem äussern farbigen Ringe GHI zeigten sich zwo nicht ganz vollkommne Nebensonnen N und K. Die letztere war schwächer an Licht, als die erste. In der Mitte waren sie der Sonne selbst ähnlich; die Ränder aber waren farbig, und nicht genau abgeschnitten. Die Nebensonne N war immer in Bewegung, und schien einen dichten hellen Schweif NP von sich zu strecken. Jenseits des Zenith zeigten sich noch zwo Nebensonnen L und M, nicht so lebhaft, aber runder und weisser, milch- oder silberfarbig, wie der Ring, in dem sie standen. M verschwand früher, als L, wie auch der Ring auf dieser Seite. Auch verschwand N eher, als K, und K, welche sich am längsten zeigte, ward nach dem Verschwinden der übrigen erst recht lebhaft. Die Ordnung der Farben in den Ringen DEF, GHI, war wie bey den Höfen, nemlich das Rothe inwendig; anch war der Durchmesser des einen 45°.

Mehrere Beobachtungen dieser Art von Gassendi, de la Hite, Cassini, Gray, Halley führt Musschenbrock an (Introd. ad philos. natur. To. II. § 2455.). Die schönste und seltenste unter allen ist von Hevel (De rarissimis quibusdam Paraselenis ac Pareliis bey s. Mercurio in Sole viso, Gedani, 1662. fol. p. 173.). der am 20 Febr. 1661 sieben Nebensonnen auf einmal sahe. Dieses Hevelische Phänomen scheint die vollständige Darstellung alles dessen zu enthalten, was andere nur stückweis imd einzeln gesehen haben. Es unterscheidet sich vom römischen nur darinn, daß drey farbige Ringe um die Sonne gehen, deren äusserster sich über B hinaus erstreckt, und daß bey E und H noch kleine Bogen von horizontalen Kreisen, die also B zum Pole haben, zu sehen sind. Die Nebens<*>nnen stehen alle in Durchschnittspunkten der Ringe und Bogen; nur eine einzige zeigt sich im horizontalen großen Kreise bey V der wahren Sonne gegen über, und der Schweif NP geht nicht gerade aus, sondern krümmt sich im Bogen, als ein Stück des Kreises NMLK.

Die Nebensonnen sind gewöhnlich mit weissen oder farbigen Ringen von der Breite des scheinbaren Sonnendurchmessers begleitet. Durch alle Nebensonnen, oder doch durch die meisten geht ein weisser horizontaler Kreis, der, wenn er ganz wäre, auch durch die wahre Sonne gehen würde. Mit diesem gehen dann noch farbige Bogen parallel, die da, wo sie die Ringe berühren, noch mehr Nebensonnen bilden. Die Schweife sind allemal Stücken dieser Kreise oder Ringe, und erscheinen oft einzeln. So sahe Musschenbroek zu Leiden (Introd. ad phil. nat. §. 2457.) blos eine einzige Nebensonne mit drey Schweifen, deren zween horizontal waren, einer aber von 12° Länge senkrecht aufwärts stand. Mehreremal hat man die Sonne mit aufwärts oder niederwärts gerichteten leuchtenden Schweifen auf- oder untergehen gesehen. Wales (Philos. Trans. Vol. LX. p. 129.) erzählt, daß in der Hudsonsbay solche Streifen jeden Morgen gesehen werden, auch die Nebensonnen daselbst sehr häufig sind. Malezieu sahe im I. 1722 drey Sonnen gerade und dicht über einander. Musschenbroek (a. a. O.) hat dergleichen Beobachtungen sehr fleißig zusammengetragen.

Descartes in seinen Meteoren und der Dioptrik gab die erste, aber sehr unglückliche, Erklärung der Nebensonnen aus der Reflerion der Sonnenstralen durch die in der Luft schwebenden Eistheile. Er glaubt nemlich, es werde bisweilen das Eis durch entgegengesetzte Winde zusammengetrieben und in einen ungeheuren Eiscylinder vereiniget, der durch Zurückwerfung des Lichts nach allen Seiten den großen horizontalen Kreis bilde. Die übrigen Umstände seiner Erklärung sind eben so unwahrscheinlich als unzureichend. Dechales schreibt die Nebensonnen blos im Allgemeinen einem Spiegeln der Sonne in den Wolken zu, und erzählt, daß sich zu Vesoul in Bourgogne einst ein Bild des Erzengels Michael auf eine ähnliche Art in den Wolken gespiegelt und alle Zuschauer in Schrecken gesetzt habe.

Die beste Theorie der Nebensonnen ist noch bis jetzt die des Huygens (Philos. Trans. Vol. V. no. 60. Diss. de coronis et parheliis in Opp. reliquis Amst. 1728. 4.) s. Höfe. So wie dieser scharssinnige Physiker die Höfe aus durchsichtigen Kügelchen mit undurchsichtigen Kernen erklärt hatte, so nahm er für die weissen Ringe und Nebensonnen kleine durchsichtige aufrechtschwebende Cylinder oder Eisnadeln (spicula glacialia) mit undurchsichtigen Kernen an. Hieraus zeigt er die Entstehung des großen horizontalen Kreises sehr natürlich durch Zeichnung eines solchen Cylinders im Großen und des Weges der von ihm zurückgeworfenen Sonnenstralen. Jeder Punkt der Sonne erleuchtet einen Kreis von solchen Eisnadeln, dessen scheinbare Höhe mit der Höhe des erleuchtenden Punkts einerley ist. Dadurch muß also nothwendig die Erscheinung eines horizontalen Ringes, von gleicher Breite mit der Sonne selbst, entstehen. Die nächsten Nebensonnen bey N und K, Taf. XVII. Fig. 61, läst Huygens aus eben diefen aufrechtschwebenden Cylindern durch eine gedoppelte Brechung der Sonnenstralen entstehen. Wegen des undurchsichtigen Schneekerns nemlich können von den Cylindern zwischen K und N keine Stralen ins Auge kommen, daher auch nach ihm die Entfernung KN desto größer wird, je dicker der Schneekern gegen den ganzen Cylinder ist. Am hellsten scheint die Sonne durch die an K und N zunächst anliegenden Cylinder, etwas auch noch durch die darauf folgenden, aber immer schwächer. Daher kommen diese Nebensonnen und ihr Schweif, der nach der Richtung des weissen Kreises hinläuft, und soweit er reicht, denselben heller macht.

Die farbigen Ringe DEF und GHI erklärt Huygens zwar nicht aus Kügelchen, wie die Höfe, aber doch aus den halbkugelförmig abgerundeten Enden der Cylinder, welche die Nebensonnen bilden. Die hintern Nebensonnen L und M leitet er ebenfalls aus einer Brechung der Stralen in den Eisnadeln dieser Gegend her, beweiset daraus, daß sie in dem horizontalen Kreise 90° von einander abstehen müssen, und daß sie bey 25° Sonnenhöhe gar nicht erscheinen, wenn der Durchmesser des Kerns gegen den Durchmesser des ganzen Cylinders größer als 59 gegen 100 ist. Huygens führt das ganze römische Phänomen und Hevels Beobachtung sehr glücklich auf diese Theorie zurück.

Weidler (Diss. de Parheliis a. 1736 visis. Viteb. 1738. 4.) will zwar Huygens Erklärung der Höfe nicht gelten lassen, billigt aber doch seine Vorstellungsart von der Entstehung des weissen horizontalen Kreises durch die Reflerion des Lichts von cylindrischen Eisnadeln. Musschenbroek führt auch an, daß nach Maraldi, Weidlers und Krafts Bemerkung solche Eisnadeln nach Verschwindung der Nebensonnen wirklich aus der Luft gefallen sind, nur daß man sie nicht in der Mitte undurchsichtig gefunden hat, und daß nach Ellis und Middleton in Nordamerika die Luft bisweilen mit sichtbaren Eisnadeln angefüllt sey. Einige Einwendungen gegen Huygens Hypothese aus Beobachtungen, theilt Maller mit (Abhdl. der schwed. Akad. der Wiss. XXV. Band. S. 47.).

So gekünstelt auch die hugenianische Erklärung scheinen mag, so kan man sich doch die Sache schwerlich anders vorstellen, als daß die Kreise, sie mögen weiß oder farbig seyn, in bloßen Nebeln und Dünsten entspringen, die entweder aus kleinen Wassertröpfchen oder aus Dunstbläschen bestehen. Wenn das Phänomen vollständig ist, scheint es sechs Kreise zu zeigen, deren drey um die Sonne, drey mit dem Horizonte parallel gehen, und die in ihren Durchschnittsoder Berührungsstellen Nebensonnen zeigen. Wie aber diese Kreise hervorgebracht werden, das ist noch bisher von keinem Naturforscher aus den Eigenschaften des Lichts mit Vollständigkeit erklärt worden.

v. Musschenbroek Introd. ad philos. nat. To. II. §. 2454 sq.

Ren. Descartes Meteora Cap. X. in ej. Specimin. Philosophiae. Amst. 1685. 4.

Priestley Geschichte der Optik, durch Klügel, S. 441 u. f.