|
Gehler, J. S. T. Physicalisches Wörterbuch |
![]() |
| Natur |
Dieses Wort bedeutet im allgemeinsten und weitläuftigsten Verstande den Inbegrif aller Eigenschaften der Dinge. Im engern Sinne wird es blos auf die materielle Welt eingeschränkt, und zeigt alsdann den Inbegrif aller Eigenschaften der Körper an. Auf diese letztere Bedeutung beziehen sich die Benennungen: Naturlehre, Naturgeschichte, Naturgesetze u. s. w.
Da von den Eigenschaften der Körper ihre Kräfte und Wirkungen nach unveränderlichen Gesetzen abhängen, so heißt alles, was diesen Gesetzen gemäß erfolgt, natürlich, was mit ihnen streitet, unnatürlich. Uebernatürlich nennt man einen Erfolg, wenn er von den gewöhnlichen Naturgesetzen so abweicht, daß man zu seiner Erklärung eine ausserordentliche Einwirkung höherer Wesen ausser der Körperwelt annehmen muß. Ehe man aber zu solchen Hülfsmitteln schreitet, muß der Erfolg selbst mit allen seinen Umständen erst historisch gewiß, und dann jede Erklärung desselben aus den Naturgesetzen unmöglich seyn. Diefe Erforderniße vermißt man durchgehends bey dem, was aus Unwissenheit oder Täuschung so oft für übernatürlich gehalten wird, s. Magie, natürliche; und ausser denen in der heiligen Schrift erzählten Wundern, hat es wohl in der Körperwelt nie andere, als natürliche Erfolge, gegeben.
In einer andern Bedeutung heißt natürlich, was ohne Zuthun menschlicher Kunst entsteht oder erfolgt, im Gegensatz des künstlichen, welches durch Fleiß und Kunst des Menschen bereitet oder bewirkt wird. So unterscheidet man natürliche Körper, von Producten der Kunst (arte factis) — ein Unterschied, der den Worten nach leicht zu fassen ist, ob es gleich zuweilen schwer fällt, künstliche Körper von natürlichen zu unterscheiden.
Die Ausdrücke: die Natur bringe hervor, sie wähle Mittel, suche Zwecke zu erreichen u. s. w. sind figürlich. Das Wort Natur bedeutet in diesen Redensarten don Schöpfer selhst, der die natürlichen Dinge und Begebenheiten nach unveränderlichen Gesetzen entstehen und erfolgen läst, und hiebey zu seinen erhabnen Zwecken die schicklichsten Mittel gewählt hat. Die Scholastiker unterschieden in dieser Absicht ganz richtig, wiewohl sehr unlateinisch, die Naturam naturantem von der naturata, und verstanden unter jener den Urheber und Regierer der Welt, unter dieser die Welt selbst mit ihren Gesetzen. Dennoch redeten sie in ihrer Physik von gewissen Neigungen, Trieben und Kräften der Natur, z. B. der Vermeidung der Leere, der plastischen Kraft u. dgl., welche in einem richtigen Sinne weder dem Schöpfer, noch der erschaffenen Welt, beygelegt werden können. Dies waren dunkle Begriffe von gewissen Naturgesetzen, deren wahre Beschaffenheit man nicht kannte, und von denen man doch Ursachen angeben wollte, weil man sich damals schmeichelte, alle Ursachen ohne Ausnahme zu wissen, s. Naturgeseze. Ich weiß wohl, daß die Redensart: die Natur strebe dieses oder jenes hervorzubringen, diesen oder jenen Endzweck zu erreichen rc. noch jetzt von vielen Schriftstellern gebraucht wird. Man muß sie aber nie für eine physikalische Erklärung irgend eines Phänomens ansehen. Sie ist vielmehr ein verdecktes Geständniß unserer Unwissenheit, und sagt doch nichts weiter, als: der Schöpfer habe die Welt so geordnet, daß den vorgeschriebnen Gesetzen gemäß dies oder jenes entstehen, dieser oder jener Zweck befördert werden müsse, ob wir gleich den Mechanismus, durch welchen diese Gesetze befolgt werden, und oft sogar die Gesetze selbst nicht kennen.
Endlich ver<*>ht man insbesondere unter der Natur eines einzelnen Dinges den Inbegrif aller seiner Eigenschaften, vornehmlich derer, wodurch es sich von andern Dingen unterscheidet. So redet man von der Natur des Lichts, des Feuers, der elektrischen Materie, der Metalle, des Goldes, Eisens u. s. w.
Naturbegebenheiten, s. Phänomene.