Gehler, J. S. T.
Physicalisches Wörterbuch


Horizont, Gesichtskreis
Horizont, Gesichtskreis, Horizon, Circulus finitor, Horizon.

Ueberall auf der Erdfläche, wo nicht hohe Gegenstände die freye Aussicht hindern, sieht es aus, als ob sich das Auge in einer kreisförmigen Ebne befände, auf der der Himmel, wie ein hohles Gewölbe, ringsherum aufliegt. Diese Ebne selbst, und auch ihr Umkreis, heissen der scheinbare Horizont (Horizon apparens); die Ebne selbst berührt die kugelförmige Erdfläche an dem Orte, wo das Auge steht, und wird also Taf. VIII. Fig. 2. durch hr vorgestellt. Das Auge o nemlich kan, weil die Erde undurchsichtig ist, vom Himmel nicht mehr übersehen, als was über hr liegt.

Eine Ebne HCR, mit dieser berührenden parallel dnrch C, der Erde Mittelpunkt, geführt, heißt der wahre Horizont (Horizon verus). Eben diesen Namen führt auch ihr Umkreis, der ein größter Kreis der Sphäre ist. Beyde Horizonte stehen von einander um den Bogen Hh, oder um das Maaß des Winkels HCh ab, welcher den Namen der Horizontalparallaxe führt, und desto kleiner wird, je kleiner man die Erdkugel in Vergleichung mit der Himmelskugel annimmt. Da sich nun in Absicht auf die Fixsterne nicht die mindeste Spur einer Horizontalparallaxe, selbst durch die genausten Beobachtungen, entdecken läst, so muß in Vergleichung mit der Kugel der Fixsterne die ganze Erde für unendlich klein angenommen werden, daß also o und C in einen Punkt zusammenfallen, und zwischen wahrem und scheinbarem Horizont kein Unterschied mehr zu machen ist, s. Erdkugel, unter dem Abschnitte: Horizont, Aequator rc. Bey Betrachtung des Mondes, der Sonne und der Planeten aber bleibt dieser Unterschied, und eben durch ihn werden die Entfernungen dieser Körper von uns gemessen, s. Parallaxe.

Der Horizont ist unstreitig der erste Kreis, den man am Himmel kennen lernte; Aufgang, Untergang und Höhe der Gestirne sind Begriffe, die sich auf ihn beziehen. Daher hat auch die Astrologie, deren Ursprung uralt ist, ihre meisten Bestimmungen auf die Stellung der Gestirne gegen den Horizont gegründet. Sein griechischer Name (von ὁρίζω, finio) heißt so viel als begrenzender Kreis.

Die Erfahrung lehrt, daß an allen Orten der Erdfläche die Richtung der Schwere oder des Bleywurfs mit der Ebne des Horizonts rechte Winkel macht. Die verlängerte Richtung der Schweere also, oder die Scheitellinie ZoCN ist die Axe, und die Punkte Z und N, oder das Zenith und Nadir sind die Pole des Horizonts, und stehen überall um 90° von ihm ab. Alle durch das Zenith gehende gröste Kreise (Scheitelkreise oder Verticalcirkel) stehen auf ihm senkrecht; und alle gröste-Kreise der Sphäre (Aequator, Ekliptik, Mittagskreis u. s. w.) schneiden sich mit ihm unter gleichen Helften. Er theilt die ganze Himmelskugel in zwo gleiche Helften, die obere oder sichtbare, und die untere oder unsichtbare Halbkugel.

Seine beyden Durchschnittspunkte mit dem Meridian H und R, heissen der Mittags- und Mitternachtspunkt. Der letztere liegt auf der Seite des bey uns sichtbaren Nordpols P; jener diesem gegen über. Die Durchschnitte des Horizonts mit dem Aequator bestimmen den Morgen- und Abendpunkt, so daß ein gegen Mittag gekehrter Zuschauer jenen zur Linken, diesen zur Rechten hat. Diese vier Punkte theilen den Horizont in vier gleiche Theile oder Quadranten, s. Hanptgegenden; wird jeder Quadrant noch dreymal halbirt, so entsteht daraus die bey den Schiffern gewöhnliche Eintheilung des Horizonts in 32 Winde oder Weltgegenden, s. Weltgegenden, Windrose.

Die Markscheider theilen den Horizont, um das Streichen der Gänge zu bestimmen, in 24 Stunden, s. Gänge.

In der Sternkunde wird der Horizont, wie jeder Kreis, in 360 Grade getheilt, die man gewöhnlich vom Mittagspunkte aus auf beyden Seiten fortzählt, so daß man im Mitternachtspunkte mit 180° von beyden Seiten her zusammentrift. Nach solchen Graden und ihren Theilen werden die Azimuthe der Gestirne angegeben, s. Azimuth. Bisweilen aber, vorzüglich sür Sterne, die eben auf- oder untergehen, fängt man auch vom Morgen- oder Abendpunkte zu zählen an, und bestimmt in solchen Graden die Morgenund Abendweiten, s Morgenweite, Abendweite.