|
Gehler, J. S. T. Physicalisches Wörterbuch |
![]() |
| Gas, dephlogistisirtes. |
Zus. zu diesem Art. Th. II. S. 371 u. f.
In der Nomenclatur des antiphlogistischen Systems hat diese Luftart die Namen Gaz oxygène, Gas oxygenium, Sauerstoffgas (Girtanner), säurezeugendes Gas (Hermbstädt), Sauerluft bekommen. Unter den alten Namen sind Lebensluft und reine, einathembare Luft die schicklichsten, weil sie keine Hypothese ausdrücken; auch ist die Benennung dephlogistisirte Luft noch sehr gewöhnlich.
Bey den S. 373 u. f. angeführten Methoden, Lebensluft zu entbinden und aufzusammlen, ist noch folgendes zu bemerken. Am reinsten erhält man die Lebensluft, wenn man die beyden Arten von rothem Quecksilberniederschlag (s. Quecksilber, Th. III. S. 597. 598) ohne Zusatz von brennlichen Stoffen bey starkem Feuer reducirt. Ferner erhält man Lebensluft aus den Dämpfen der Salpetersäure, wenn man sie durch ein glühendes irdenes Pfeifenrohr gehen läßt; ingleichen nach Fontana aus der Alaun- und Bittererde, wenn man sie vorher durch die Hitze von ihrer Luftsäure befreyt hat. Auch entwickelt sich diese Luftart aus den frischen Pflanzen am Tageslicht, sogar, nach Sir Benjamin Thompsons (jetzt Grafen von Rumford) Versuchen, beym Lichte brennender Kerzen, welches jedoch Hr. Ingenhouß läugnet.
Seite 376 und 377 wird der Beförderung des Verbrennens durch Lebensluft, und der Verminderung dieser Luftart durch die sogenannten phlogistischen Processe gedacht. Hier ist hinzuzusetzen, was man jetzt mit Gewißheit weiß, daß die Lebensluft durch die Operationen des Verbrennens, Verkalkens, Athmens, der Verbindung mit salpeterartiger Luft u. s. w. wirklich zersetzt werde. Sie wird durch die Verbrennung des Phosphors, im gehörigen Verhältniße mit ihrer Menge, gänzlich verzehrt (s. den Zusatz des Art. Verbrennung). Man kann also nicht mehr, wie sonst, annehmen, daß sie bey den phlogistischen Processen eine Verbindung mit dem Phlogiston eingehe, und sich dadurch in phlogistisirte Luft verwandle, weil sie bey einer solchen Verbindung nie gänzlich verschwinden könnte. Vielmehr bestätigt sich die Meinung, daß sie zersetzt, und der in ihr enthaltene Wärmestoff frey werde, daß dieser die Ursache der bey diesen Operationen entstehenden Hitze sey, und daß ihr Grundstoff dem Rückstande der Operationen beytrete, und dadurch die Gewichtszunahme verursache, die bey jeder andern Vorstellung der Sache so schwer zu erklären ist.
Daß Hr. de Luc die Lobsprüche, welche er nach S. 381 der Zerlegung des Wassers im Anfange beylegte, nachher gänzlich zurückgenommen, und die Hofnungen, die er darauf gründete, eingeschränkt hat, ist schon in den letztern Bänden des Wörterbuchs, besonders beym Worte Wasser (Th. IV. S. 653) erinnert worden. Er nimmt anjetzt das Wasser für die Basis, nicht blos der dephlogistisirten, sondern überhaupt aller Luftarten an, indem er vermuthet, daß der Wasserdunst, der aus Wasser und Feuer bestehe, durch Beytritt eines Dritten die Luftgestalt erhalte, und daß auf der Verschiedenheit dieses Dritten die Verschiedenheit der Lustgattungen beruhe.
In dem Lehrgebäude der Antiphlogistiker behauptet die Lebensluft, oder das Sauerstoffgas, einen sehr ausgezeichneten Platz. Diese Chemiker nennen den 1sten August 1774, an welchem Priestley diese Luft zum erstenmale hervorbrachte, dem Geburtstag ihres Systems. Es ist nach ihrer Meinung das Sauerstoffgas nichts anders, als die Verbindung des Wärmestoffs (Calorique) mit dem von ihnen angenommenen Sauerstoffe (Oxygène), den sie als Anti- <*>oden des Phlogistons aufstellen, s. die Art. Antiphlogistisches System und Sauerstoff (beyde in diesem Bande).
Um diese beyden Bestandtheile zu trennen, darf man nur das Sauerstoffgas mit Körpern in Verbindung bringen, zu welchen sein Sauerstoff eine stärkere Verwandtschaft hat, als zu dem Wärmestoff. In diesem Falle wird sich jener mit dem hinzugebrachten Körper verbinden, ihn säuern und sein Gewicht vermehren, der Wärmestoff hingegen wird frey werden, und sich durch Hitze, vielleicht auch durch Licht, zeigen. Dieses geschieht bey den Verkalkungen der Metalle, bey der Verbrennung des Phosphors, des Schwefels und der Kohle, mithin der Analogie gemäß bey allen den Operationen, die man sonst phlogistische Processe nannte, die aber hier vielmehr als Säurungen durch Zersetzung der Lebensluft betrachtet werden. Wo man sonst annahm, es gehe Phlogiston aus einem Körper, da kömmt nach diesem System vielmehr Sauerstoff zu demselben hinzu; und wo man sagte, es verbinde sich Phlogiston mit einer Luftmasse, da wird vielmehr das Sauerstoffgas zersetzt, aus dem diese Masse ganz oder zum Theil besteht.
Die atmosphärische Luft enthält ein Drittel (0,27) Sauerstoffgas, aber mit zwey Dritteln (0,63) Stickgas vermischt. Jeder Cubikzoll Sauerstoffgas wiegt 1/2 Gran, bey einer Temperatur von 10° Reaum. und der Barometerhöhe von 28 Zoll. Sein eigenthümliches Gewicht verhält sich zu dem der atmosphärischen Luft, wie 765 : 720 = 17 : 16.
Im Sauerstoffgas brennen die Körper schneller, lebhafter und stärker, die Metalle säuern sich schneller, die Thiere athmen freyer und leben länger, als in der atmosphärischen Luft. Man will auch brmerkt haben, daß einige leuchtende Körper, z. B. Johanniswürmer, darinn heller leuchten. Dies alles kömmt nun daher, weil dieses Gas in der Atmosphäre mit einem andern zu jenen Verrichtungen untauglichen Gas vermischt ist, wiewohl in Absicht des Leuchtens neuere von Hrn. Göttling angestellte Versuche Zweifel erregen, s. den Zusatz des Art. Gas, phlogistisirtes.
Das Sauerstoffgas ist nach dem antiphlogistischen System in gewissem Sinne der einzige brennbare Körper in der Natur. Denn ohne dasselbe ist kein Verbrennen möglich, und aus ihm vorzüglich, nicht aus dem Körper, den die gemeine Sprache den brennenden nennt, entwickeln sich Licht und Wärme so, daß sie zur Flamme werden.
Ohne Sauerstoffgas kann kein Thier leben, weil dazu nothwendig erfordert wird, daß das Blut von Zeit zu Zeit, mittelbar oder unmittelbar mit dem Sauerstoffgas, oder mit der atmosphärischen Luft, welche dergleichen enthält, in Berührung komme.
Auch zu dem Leben und dem Wachsthum der Pflanzen ist die Gegenwart des Sauerstoffgas unumgänglich nothwendig. In jeder andern Art von Gas sterben die Pflanzen, wenn sie nicht dem Sonnenlichte ausgesetzt sind, welches aus ihnen Sauerstoffgas entwickelt, wodurch die schädliche Wirkung anderer Gasarten zum Theil aufgehoben wird. Nach Hrn. Ingenhouß entwickelt sich aus allen Pflanzen Sauerstoffgas am Sonnenlichte; in der Finsterniß aber saugen die Blätter derselben das Sauerstoffgas aus der Atmosphäre ein, und geben selbiges als kohlengesäuertes Gas wieder von sich. Das letztere hat Hr. Senebier geläugnet, und nur zugegeben, daß die Pflanzen, wenn sie krank sind, das Sauerstoffgas der Atmosphäre in kohlengesäuertes Gas verwandlen. Ingenhouß bemüht sich, zu zeigen, daß der größte Theil des Sauerstoffgas, welches die Pflanzen am Sonnenlichte liefern, von der Zerlegung des Wassers herrühre, wobey der Wasserstoff sich mit der Pflanze verbinde, der Sauerstoff aber frey werde und in Gasgestalt davon gehe.