Gehler, J. S. T.
Physicalisches Wörterbuch


Gas, dephlogistisirtes, dephlogistisirte Luft, brennstofleere Luft, reine Luft
Gas, dephlogistisirtes, dephlogistisirte Luft, brennstofleere Luft, reine Luft

(Bergmann) Feuerluft (Scheele) künstliche reine Luft (Keir), Lebensluft (Ingenhouß) Empyrealluft, Gas dephlogisticatum, Aer dephlogisticatus, Aer purissimus, Aer verus factitius, Aer vitalis, Gas ou Air dephlogistiqué. Derjenige Bestandtheil der atmosphärischen Luft, welcher dieselbe zu Unterhaltung des Feuers und des Athemholens der Thiere einzig und allein geschickt macht. Man kan ihn als einen eignen luftförmigen Stof darstellen, welcher alle Eigenschaften der gemeinen Luft hat, aber das Athemholen und das Feuer weit mehr, als diese, befördert und weit länger unterhält.

Es finden sich schon in den Werken einiger ältern Schriftsteller dunkle Ideen von einem reinern Bestandtheile der gemeinen Luft, besonders hat der D. Mayow (lo. Mayow Opera omnia medico-physica. Oxon. 1674. 8. Hag. Com. 1681. 8. Tract. I. De Sale Nitro et Spiritu Nitro-aëreo) schon einen feinsten Theil der Luft als zum Athmen tauglich erkannt; aber diese Begriffe sind noch so undeutlich und hypothetisch, daß die neuern Naturforscher wohl wenig Licht dadurch haben erhalten können.

D. Priestley und Scheele sind daher als die ersten anzusehen, welchen man die Entdeckung dieses reinen Theils der Luft zu danken hat. Jener hatte schon in dem 1774 herausgekommenen ersten Bande seiner Versuche und Beobachtungen (p. 155., der deutsch. Uebers. S. 152.), einer bleibend elastischen Materie gedacht, welche reiner, als andere künstliche Luftgattungen sey. Aber erst im 2ten Bande, welcher 1776 erschien, findet sich die zahlreiche Menge von Versuchen, welche zu allen unsern Kenntnißen von der dephlogistisirten Luft den Grund gelegt haben. Priestley erhielt diese Luft zum erstenmale am 1 Aug. 1774. aus trocknem der Wärme ausgesetzten Salpeter, und bereitete sich bald eine größere Menge davon, die zu verschiedenen Versuchen hinreichend war. Er sahe sie mit Recht als eine solche an, die wenig Phlogiston enthielte, und nannte sie daher dephlogistisirte Luft. Fast um eben diese Zeit hatte auch Scheele, damals noch zu Köping in Schweden, eben diese Luftgattung hervorgebracht, und ihr den Namen der Empyreal- oder Feuerluft gegeben. Er machte diese Entdeckung in seiner chymischen Abhandlung von Luft und Feuer bekannt, welche zum erstenmale zu Upsal und Leipzig im Jahre 1777 herauskam. Der Gang aber, den diese beyden Gelehrten bey ihren Versuchen genommen haben, und ihre verschiedenen Begriffe von der Sache selbst, zeigen sehr deutlich, daß hiebey keiner etwas von dem andern entlehnt habe.

Von Natur entwickelt hat man die dephlogistisirte Luft bisher noch nirgends gefunden; man kennt aber verschiedene Methoden, sie zu entbinden und aufzusammlen. Die vornehmsten sind: Starke Erhitzung verschiedener Mineralien, vornehmlich des Salpeters und Braunsteins; Erhitzung verschiedener Substanzen, besonders einiger metallifchen Kalke; Erhitzung anderer metallischen Kalke und Erden nach vorhergegangner Anfeuchtung mit Salpetersäure oder Vermischung mit Vitriolsäure; Aussetzung des Brunnenwassers an die Sonnenstralen; Kochen einiger Arten von Wasser; Aussetzung frischer Blätter von Pflanzen an das Sonnenlicht.

Die beste Methode sie zu erhalten, ist die Erhitzung des Braunsteins (magnesia nigra, magnesia vitriariorum, magnesium Bergm.) oder des Salpeters. Es wird zu dem Ende in eine kleine irdene Retorte ein Pfund gepülverter Braunstein geschüttet, eine lange blecherne Röhre an die Mündung derselben angeküttet, die Retorte in einem Wind- oder Reverberirofen ins freye Feuer gelegt, und die Oefnung der Röhre unter den Trichter im Brete der Wanne des pnevmatisch-chymischen Apparats gebracht, indem auf dem Brete selbst ein mit Wasser gefülltes Gefäß umgestürzt ist. Anfangs geht blos die atmosphärische Luft aus der Röhre und Retorte über, sobald aber der Braunstein glühet, entwickelt sich dephlogistisirte Luft. So kan man aus 16 Unzen Braunstein 760—780 Cubikzolle dephlogistisirte Luft erhalten. Eben so kan man mit dem Salpeter verfahren. Scheele (Von Luft und Feuer §. 35.) nimmt eine gläserne Retorte, und bindet statt alles Apparats eine mit Wasser angefeuchtete Blase vor, welches allerdings die wohlfeilste Art ist. Der Salpeter verliert durch diese Operation seine Säure gänzlich, und es bleibt in der Retorte blos der laugenartige Rückstand, der die Basis dieses Salzes ausgemacht hatte. Scheele (a. a. O.) hat sogar aus der bloßen Salpetersäure, nemlich aus dem rauchenden Salpetergeiste, seine Empyrealluft erhalten. Es schien also hiebey die Salpetersäure selbst in dephlogistisirte Luft verwandlet zu werden; so wie man auch dephlogistisirte Luft erhält, wenn man Salpeterdämpfe durch ein glühendes Pfeifenrohr gehen läst.

Aus sehr vielen Substanzen läst sich auch dephlogistisirte Luft durch die Hitze entwickeln, wenn man sie vorher mit Salpetersäure angefeuchtet oder darinn aufgelöset| hat. Dahin gehören nach Priestley Mennige, Zinkblumen, Thon, Sedativsalz, Kieselsteine, Eisen und alle andere Metalle, wobey aber doch immer einige andere Gasarten mit zum Vorschein kommen, besonders wenn die gebrauchten Substanzen vom Phlogiston nicht soviel möglich, befreyt worden sind. Enthalten sie viel Phlogiston, so geben sie salpeterartige, haben sie weniger davon, fixe, und sind sie in hohem Grade davon befreyt, dephlogistisirte Luft; die beyden letztern Gattungen gehen insgemein mit einander über.

Die reinste dephlogistisirte Luft geben die Quecksilberniederschläge, der ohne Zusatz bereitete Quecksilberkalk (Mercurius praecipitatus per se), und der rothe Quecksilberniederschlag (Praecipitatum rubrum), wovon zwar der letztere durch Salpetersäure bereitet, der erste aber gänzlich davon frey ist. Beyde haben die Eigenschaft, daß sie sich in verschloßnen Gefäßen durch die Hitze von selbst, und ohne Zusatz von Phlogiston, reduciren oder wiederum in fließendes Quecksilber verwandlen; und da sonst bey der Reduction der Metallkalke, wenn man Phlogiston zusetzen muß, fixe Luft entbunden wird, so entwickelt sich hier sowohl durch die Hitze des Brennpunkts als des gewöhnlichen Feuers eine große Menge der reinsten Luft. Priestley, Fontana, Bayen und Lavoisier haben hierüber die entscheidendsten Versuche angestellt. Man sieht daraus nicht nur, daß die dephlogistisirte Luft auch ohne Salpetersäure entbunden werden könne, sondern auch, daß die Vermehrung des Gewichts bey diesen beyden Verkalkungen des Quecksilbers von der Einsaugung, nicht der fixen sondern der reinsten dephlogistisirten Luft herkomme, woraus man wahrscheinlich schließen kan, daß es mit den Verkalkungen der übrigen Metalle eine gleiche Bewandniß habe, s. Verkalkung.

Aus den meisten Substanzen, welche mit Salpetersäure vermischt, reine Luft geben z. B. der Mennige, kan man auch, theils durch die bloße Hitze, theils durch Vitriolsäure, dephlogistisirte und fixe Luft zugleich erhalten. Mit der Kochsalzsäure konnte Priestley keine Entwicklung reiner Luft bewirken; nur einmal erhielt er etwas aus der Destillation einer Auflösung von Mennige in Salzgeist (Exp. and Obs. Vol. IV. p.442.). Das gröste Hinderniß bey diesen Entbindungen machen die Gefäße, welche fast allezeit bis zum Glühen und noch dazu plötzlich erhitzt werden müssen, wobey dickere Gefäße zerspringen, dünnere weich werden und schmelzen. Nimmt man Flintenläufe oder eiserne Retorten, so geben diese Phlogiston. Am besten ist es, die Gefäße in einen Schmelztiegel oder blechernen Umschluß einzufassen, daß sie beym Weichwerden wenigstens nicht auseinander fallen..

Daß frische Pflanzen dephlogistisirte Luft geben, ist ebenfalls von Priestley schon bemerkt worden. D. Ingenhouß aber (Versuche mit Pflanzen rc. Leipzig, 1780. 8.) bestimmte diese Entdeckung genauer, und fand, daß frische Pflanzen, wenn sie in reinem Wasser dem Sonnenlichte ausgesetzt werden, vorzüglich aus ihren Blättern und aus der untersten Fläche derselben eine beträchtliche Menge der reinften Luft hergeben, welche sich in Gestalt kleiner Bläschen aus ihnen entwickelt, und an die Oberfläche der Blätter ansetzt. Die Einwirkung des Sonnenlichtes ist hiebey eine nothwendige Bedingung, weil eben diese Pflanzen nach Ingenhouß bey Nacht oder im Schatten eine unreine und verdorbne Luft hervorbringen. Die Blätter und Stengel der Agave americana sind hiezu besonders bequem: man kan sie sogar in Stücken zerschnitten noch zu diesem Gebrauche benützen. Auch geben die saftigen Gewächse und einige kryptogamische Pflanzen, besonders der Flußwasserfaden (Conferva rivularis), die Tremella Nostoch und die Priestleyische grüne Materie, die dephlogistisirte Luft in vorzüglicher Menge (s. Ingenhouß über den Ursprung und die Natur der Priestleyischen grünen Materie, des Flußwasserfadens rc. in s. Vermischten Schriften B. II. S. 127. u. f.). In einigen Pflanzen findet man diese Luft sogar in eignen Behältnißen abgesondert, wie in den Fruchtbälgen der Coluthea arborescens und in den Blasen des Fucus vesiculosus.

Das bloße Brunnenwasser giebt, wenn es dem Sonnenlichte ausgesetzt wird, mit der Zeit eine Menge dephlogistisirter Luft. Da sich aber dieselbe nicht eher zu zeigen anfängt, als bis sich die grüne Materie erzeugt hat, die insgemein den Boden und die Seiten der Bassins mit Brunnenwasser bedeckt, den Namen der priestleyischen grünen Materie führt, und nach Ingenhouß mehr zum Thier- als zum Pflanzenreiche gehört, so ist wohl die Entwickelung dieser Luft mehr aus der gedachten Materie, als aus dem Wasser selbst, herzuleiten. Durch langes Stehen am Sonnenlichte wird alle im Wasser befindliche Luft gereiniget, und endlich in dephlogistisirte verwandlet, daher die stets von der Sonne beschienenen Gewässer viel zur Verbesserung der Atmosphäre beytragen können.

Die dephlogistisirte Luft ist zum Athmen der Thiere weit geschickter, als die gemeine, und diese leben daher in ihr sechs bis siebenmal länger, als in der letztern. Sie ist es eigentlich, die wir athmen und vermittelst welcher wir leben, daher ihr auch Ingenhouß den Namen der Lebens- luft (aer vitalis) beylegt. Bergmann (Anleitung zu chymischen Vorles. §. 292.) vermuthet sogar, daß die Bewohner der neugeschafnen Erde durch das Athmen der damals noch reinen dephlogistisirten Luft der Atmosphäre ein so hohes Alter erreicht haben.

Sie befördert ferner die Verbrennung in einem sehr hohen Grade. Eine Kerze, brennt, ehe sie auslöscht, 6— 7mal länger in ihr, als in der gemeinen Luft, und mit einer weit glänzendern und größern Flamme und Hitze. Wenn man eine Blase mit ihr anfüllt, an den Hals derselben eine gläserne Röhre bindet, deren Ende in eine feine Spitze ausgezogen ist, und die Luft durch Drücken der Blase heraus gegen eine Lichtflamme treibt, so daß die Flamme dadurch in eine horizontale Richtung gebracht wird, so schmelzen kleine Metallstückchen und sogar Platinakörner, die man der Flamme auf einer Kohle entgegen hält, augenblicklich. Kampher und Phosphorus brennen in dieser Luft mit einem bewundernswürdigen Glanze, und glühende Kohlen werfen mit Knistern Funken umher. Glimmende Dachte, Papier, Zunder gerathen darinn sogleich in Flammen. Ein feiner stählerner Drath, oder eine Uhrfeder, die man vorher an der Spitze glühend gemacht hat, schmelzt und verbrennt darin mit vielem Funkenwerfen. Zu einigen hieher gehörigen schönen Versuchen hat D. Ingenhouß (Vermischte Schriften I Band S. 201. u. f. S. 365 u. f.) Anleitungen gegeben.

Mit brennbarer Luft vermischt giebt diese Luftgattung eine sehr starke Knallluft, die sich bey Annäherung eines brennenden Körpers oder durch den elektrischen Funken entzündet, und mit einer heftigen Explosion abbrennt, s. Gas, brennbares. Durch das Abbrennen verwandlet sich diese Knallluft gröstentheils in Wasser, wie die Versuche von Cavendish (Versuche über die Luft und das daraus erfolgende Wasser in Crells chym. Annalen, 1785. S. 324 u. f.) Watt (Gedanken über die Bestandtheile des Wassers und der dephlogistisirten Luft, ebend. 1786. S. 23 u. f. Blagdens Brief S. 58 ingl. S. 136 u. f.), und Lavoisier (in Lichtenbergs Magazin, B. II. St. 4. S. 91 u. f.) beweisen. Der letztere bediente sich eines Apparats, womit er in einem über Quecksilber gestürzten Gefäße, dem die Gemeinschaft mit der äussern Luft gänzlich abgeschnitten war, eine Mischung von 30 Pinten brennbarer, und 15 bis 18 Pinten dephlogistisirter Luft verbrennen konnte. Sobald das Gemisch entzündet ward, verdunkelten sich sogleich die Wände des Gefäßes, und überzogen sich mit einer großen Menge kleiner Wassertröpfchen, die nach und nach in größere zusammenfloßen, herabrannen und die Quecksilberfläche mit einer Lage von Wasser bedeckten, welche am Gewichte beynahe eben so viel betrug, als die verbrannten Luftgattungen gewogen hatten. Dieser Versuch ist für die Lehre von der Erzeugung des Wassers sowohl, als für die Theorie der Verbrennung sehr wichtig, und leitet auf die Vermuthung, daß das Wesen der dephlogistisirten Luft und des Wassers in genauer Verbindung stehe.

Die reine Luft ist schwerer, als die atmosphärische, aber leichter, als fixe Luft. Das Verhältniß der eigenthümlichen Schweren dephlogistisirter und gemeiner Luft ist nach Priestley wie 187:165, nach Fontana, wie 160: 152, nach de la Metherie, wie 17:16. Eben dieser größern Schwere wegen entwickelt sie sich auch nach Ingenhouß aus der untern Fläche der Pflanzenblätter.

Sie hat eine sehr starke Anziehung gegen das Phlogiston, und wird durch alle phlogistische Processe weit mehr, als die gemeine Luft, vermindert. Wenn sie sehr rein ist, und man zu 2 Maaßen von ihr 2 Maaß salpeterartige Luft hinzuthut, so wird das ganze aus 4 Maaßen bestehende Gemisch in den Raum eines einzigen Maaßes zusammengezogen, und besteht nunmehr aus fixer und phlogistisirter Luft. Wenn 2 Maaß dephlogistisirte Luft mit 3 Maassen salpeterartiger eben soviel Volumen geben, als 2 Maaß gemeine Luft mit 1 Maaß salpeterartiger, so sagt man, die dephlogistisirte Luft sey dreymal so gut, als die gemeine. Die reinste Luft welche Priestley (Exp. and. Obs. Vol. IV. Sect. 25.) aus der Destillation einer Quecksilberauflösung in Scheidewasser erhielt, war so gut, daß ein Maaß davon mit 2 Maaßen salpeterartiger Luft vermischt, nur den Raum von (3/100) eines Maaßes einnahm. Diese erstaunliche|Verminderung leitet den D. Priestley auf die Vermuthung, daß dephlogistisirte und salpeterartige Luft in ihrer grösten Reinigkeit nach der gehörigen Proportion vermischt, vielleicht ihre Luftgestalt ganz verlieren und dem Scheine nach verschwinden würden. Das Produkt, das sie alsdann erzeugten, müste, weil es unsichtbar ist, im Wasser aufgelöset (vielleicht gar Wasser selbst) seyn.

Die dephlogistisirte Luft läst sich gar nicht, oder doch nur sehr schwer mit dem Wasser vermischen, wofern dieses nicht durch Kochen oder Destilliren luftleer gemacht ist. In diesem Falle aber nimmt es nach Fontana (Philos. Trans. Vol. LXIX. p. 439.) etwas mehr dephlogistisirte als gemeine, Luft in sich. Es hängt aber damit nicht sehr fest zusammen und läst sich schon durch starkes Schütteln wieder davon befreyen.

Diese Luftgattung trübt das Kalkwasser nicht, färbt die Pflanzensäfte nicht und macht das ätzende Laugensalz nicht mild. Sie hat weder Geruch noch Geschmack, und zeigt überhaupt nicht das geringste Merkmal einer Säure.

Durch Beymischung von dephlogistisirter Luft kan sowohl die phlogistisirte als auch die fixe Luft zum Einathmen und zur Beförderung der Verbrennung geschickter gemacht werden. Scheele (Von Luft und Feuer §. 50.) fand, daß in einem Gemische aus vier Theilen fixer und einem Theile Feuerluft ein Licht wieder ziemlich gut brannte. Das Wachsthum der Pflanzen aber wird durch diese Luftart nicht befördert.

Was nun die Natur der dephlogistisirten Luft betrift, so nahm Priestley dieselbe seinen ersten Versuchen zufolge für einen aus Salpetersäure und Erde zusammengesetzten Stof an. Wenn man bedenkt, daß der Salpeter, aus dem man soviel dephlogistisirte Luft ziehen kan, dadurch seine Säure ganz verliert, daß er sich blos in freyer Luft erzeugt, und daß viele Substanzen, z. B. der Schwefel, dennoch eingehüllte Säure enthalten, wenn sie gleich kein äusseres Merkmal derselben zeigen, so fällt man ganz natürlich darauf, daß diese Luftgattung eine in etwas anders eingehüllte Salpetersäure seyn könne. Priestley setzt dazu noch in der Vorrede des dritten Bands seiner Versuche diese Gründe, daß man aus einer erdigten Substanz, aus der man schon dephlogistisirte Luft erhalten hat, durch wiederholtes Aufgießen von Salpetersäure immer mehr dergleichen ausziehen könne, bis der erdigte Stof ganz erschöpft sey, und daß er bisweilen einen weissen |Staub in dieser Luftgattung bemerkt habe. Fontana (Recherches physiques sur la nature de l' air dephlogisliqué) hat dagegen das Daseyn einer Erde in der dephlogistisirten Luft bestritten, weil bey der Verwandlung des Quecksilbers in rothes Präcipitat, und der Wiederherstellung aus demselben nichts am Gewicht verlohren gehe, und obgleich Priestley einen solchen Verlust wirklich beobachtet zu haben glaubt, so hat er doch bey seinen Versuchen ein so heftiges Feuer angewendet, daß dasselbe leicht einen Theil des Präcipitats hat verflüchtigen und dadurch den Verlust an Gewichte veranlassen können. Es ist also sehr zweifelhaft, und vielmehr unwahrscheinlich, daß ein erdigter Stof in der dephlogistisirten Luft enthalten sey.

Wenn aber dies nicht statt findet, so wird es auch zugleich unwahrscheinlich, daß diese Luftgattung Salpetersäure enthalte, indem sie nicht die mindesten Spuren einer freyen Säure an sich trägt. Die Verwandlung der Salpetersäure und ihrer Dämpfe in dephlogistisirte Luft läst sich alsdann auch so erklären, daß man diese Luft für das einfache Wesen, und die Salpetersäure für das zusammengesetzte annimmt. So erklärt Fontana (Exp. sur l' alcali etc. in Rozier Journal de physique. 1778.) die Salpetersäure für ein Gemisch aus dephlogistisirter Luft und Phlogiston. Diese Hypothese erklärt einige Phänomene sehr leicht, z. B. die Reduction des rothen Präcipitats ohne Zusatz von Phlogiston. Dieses Präcipitat ist durch Salpetersäure bereitet, hält also noch etwas von derselben in sich. Wirkt nun das Feuer stark darauf, so wird diese Säure zersetzt, ihr Phlogiston verbindet sich mit dem Kalke, und stellt die metallische Form wieder her, die dephlegistisirte Luft aber wird entwickelt. Auch wird es hiebey leicht begreiflich, warum man gewisse Substanzen, die kein Phlogiston enthalten, mit Salpetersäure anfeuchten muß, wenn sie reine Luft geben sollen, weil sich alsdann das Phlogiston der Salpetersäure mit den Substanzen verbindet, und die dephlogistisirte Luft frey wird.

Die Versuche scheinen überhaupt anzugeben, daß diese reinste Gattung der Luft nicht so, wie die meisten übrigen, während der Operation erzeugt, sondern nur entwickelt oder von dem, was sie vorher gebunden hielt, frey gemacht werde. Die Pflanzen saugen im Sonnenscheine das zu ihrem Wachsthum nöthige Brennbare aus der Atmosphäre, oder den sie umgebenden Stoffen, ein, und lassen den reinern Theil zurück; die Salpeter-und Vitriolsäure, die vielleicht mit dem Phlogiston näher verwandt sind, als die in der Mennige rc. eingeschloßne Luft, wenden sich zu diesem Phlogiston und machen die reinere Luft frey. So scheint diese Luft der reinste Bestandtheil der Atmosphäre zu seyn, und aus dieser in andere Körper allein oder mit andern Bestandtheilen zugleich überzugehen. Je nachdem nun die Körper mit ihr mehr oder weniger verwandt sind, werden sie dieselbe schwerer oder leichter, von selbst oder vermittelst der Hitze und der Säuren von sich geben. Die Salpetersäure kan also die Entwicklung dieser Luftart befördern, ja auch wohl selbst aus ihrer Mischung reine Luft hergeben, ohne doch selbst einen Bestandtheil der dephlogistisirten Luft auszumachen. Es nöthigen uns also die Entwicklung der reinen Luft aus Salpeter, Salpetersäure und deren Dämpfen keineswegs, in dieser Luft die Salpetersäure selbst zu suchen, zumal da es so viele Methoden giebt, sie ohne Zuthun dieser Säure zu erhalten.

Die neuern Versuche über die Verbrennung der brennbaren und dephlogistisirten Luft in verschloßnen Gefäßen haben Veranlassung gegeben, die reine Luft für ein in elastischer Form dargestelltes Wasser zu halten. Man bekömmt nicht allein Wasser, wie schon im vorigen angeführt ist, aus der Verbrennung der Knallluft, sondern es scheint sich auch umgekehrt das Wasser in brennbare und reine Luft zerlegen zu lassen. Lavoisier that in ein mit Quecksilber gefülltes und in Quecksilber umgestürztes Glas etwas Wasser mit sehr reiner Stahlfeile. Nach 24 Stunden fieng das Eisen an sich zu verkalken und ward zum Theil rostig. Zu gleicher Zeit entwickelte sich eine Menge brennbarer Luft, deren Menge der dephlogistisirten, die das Eisen bey der Verkalkung in sich genommen hatte, proportionirt war. Man konnte die Quantität dieser eingeschluckten Luft aus dem vermehrten Gewichte des Eisens nach seiner Trocknung schließen. Dieser Versuch zeigt also eine Zerlegung des Wassers in brennbare und dephlogistisirte Luft, wovon die erstere sich absondert, die letztere hingegen sich mit dem Eisen verbindet und dessen Verkalkung bewirkt (Man s. Lichtenbergs Magazin für das Neuste rc. B. II. St. 4. S. 91. u. f.). Aus dieser Entdeckung, von welcher bey dem Worte Wasser ausführlichere Nachrichten vorkommen werden, schließt Watt, welcher sie schon vor Lavoisiers Versuchen gekannt hatte (Man s. de Lüc Ideen über die Meteorologie II. B. §. 678. u. f.), daß die dephlogistisirte Luft nichts weiter, als ein seines Phlogistons beraubtes und mit der Feuermaterie verbundnes Wasser sey. Die Abhandlungen der Herren Cavendish und Watt finden sich in den philosophischen Transactionen vom Jahre 1784. Diese Idee, welche de Lüc den ersten Stral von wahrem Lichte in der Meteorologie nennt, erklärt die Phänomene mit einer bewundernswürdigen Leichtigkeit, und es ist nicht zu zweifeln, daß sie durch die Ausschlüße, welche sich nach de Lüc daraus herleiten lassen, den allgemeinen Beyfall der Naturforscher erhalten werde.

Die Untersuchungen der dephlogistisirten Luft haben uns nicht nur eine genauere Kenntniß von der Beschaffenheit der Atmosphäre und von dem großen Nutzen dieser Luftgattung für alles, was athmet und lebet, zugleich mit richtigern Erklärungen vieler Phänomene, z. B. der Verpuffung, des Schieß-und Knallpulvers rc. verschaft, sondern auch zu verschiedenen nützlichen Anwendungen Anlaß gegeben. Schon Priestley (Exp. and Obs. Vol. II. p. 101,) äusserte, daß die reine Luft bey Lungenkrankheiten gute Dienste thun würde; es fehlte aber anfänglich an wohlfeilen Arten, sie zu erhalten, und an bequemen Methoden, sie von Kranken athmen zu lassen. Diesem Mangel scheint jetzt durch die Erfindung der leichten Art, sie aus Braunstein und Salpeter zu ziehen, und durch die bequemen Vorrichtungen, welche zum Athmen derselben von einigen Aerzten und Physikern, insbesondere von D. Ingenhouß (Ueber die Natur der dephlogistisirten Luft in s. Vermischten Schriften, Band II. S. 69 u. f.) und von Achard (Sammlungen phys. und chem. Abhandl. B. I. S. 63.) angegeben worden sind, ziemlich abgeholfen zu seyn. Man hat das Einathmen derselben insbesondere bey Lungenkrankheiten, und ihr Einblasen als das wirksamste Rettungsmittel für Personen empfohlen, die von schädlichen Luftgattungen bis zur Ohnmacht (Asphyxia) erstickt sind. Man hat auch vorgeschlagen, denen, die sich in schädliche Luftgattungen wagen müssen, Blasen oder Gefäße mit dephlogistisirter Luft, als ein Verwahrungsmittel, mitzugeben. Daß es inzwischen beym Gebrauche dieser Luft in Krankheiten ein gewisses Gröstes gebe, das man nicht überschreiten darf, ohne dem Kranken zu schaden, hat Herr Lichtenberg (Vorrede zur vierten Aufl. der Erxlebenschen Anfangsgr. der Naturl. Gött. 1787. 8. S. XXIX. u. f.) sehr richtig bemerkt. In gewissen Krankheiten, z. B. faulen Fiebern, ist die reine Luft eine Arzney, die wie der Wein, in Maaße gegeben nützt, im Uebermaaße schädlich und tödtlich werden kan, weil sich die Hitze, die ihr Einathmen verursacht, durch den ohnehin äusserst erhitzten Körper des Kranken nicht so schnell, als durch einen gesunden Körper, zu vertheilen im Stande ist.

Da die dephlogistisirte Luft die Hitze der Flamme so beträchtlich verstärkt, so hat man fie auch auf das zu so vielen Absichten nützliche Löthrohr und die Schmelzung angewendet. Man kan zu dem Ende diese reine Luft aus einer ans Löthrohr gebundnen Blase ausdrücken, oder sich eigner Vorrichtungen bedienen, dergleichen Gallisch (Versuch einer Anwendung der dephlog. Luft aufs Löthrohr, in Crells chem. Annal. 1784. S. 31.), Göttling (Beschreibung verschiedener Blasenmaschinen, Erfurt, 1784. 4.), und Geijer (Schmelzungsversuche mit Feuerluft in den Schwed. Abhandl. von 1784. V. Band.) angegeben haben, wobey die Feuerluft durch den Druck des Wassers aus einem Gefäße auf die Flamme geleitet wird. Zu größern Schmelzungen mit dephlogistisirter Luft haben Achard (Crells neuste Entdeck. in der Chem. Th. VIII. S. 79.) und Lavoisier (Hist. de l' Ac. de Paris, 1783.) kleine Oefen angegeben. Methoden, reine Luft zu erhalten und zur Schmelzung zu nützen hat Ehrmann (Versuch einer Schmelzkunst mit Beyhülfe der Feuerluft, Strasburg, 1786. gr. 8.) sehr vollständig gesammlet. Man erhält dadurch einen ungewöhnlichen Grad der Hitze und Wirkungen, die man durch das gemeine Feuer auf keine Weise erreichen kan.