Gehler, J. S. T.
Physicalisches Wörterbuch


Fernglas ohne Röhren, Luftfernglas
Fernglas ohne Röhren, Luftfernglas, Astroscopium tubi molimine liberatum, Telescope aërien.

Eine Verbindung zweyer Gläser, wie im galileischen und astronomischen Fernrohre, wobey aber die Röhren wegbleiben, und das Objectiv oder Vorderglas in freyer Luft aufgestellt wird.

Huygens (Astroscopia compendiaria, tubi optici molimine liberata. Hagae Com. 1684. 4.) gab, um den unüberwindlichen Beschwerlichkeiten der langen Röhren auszuweichen, dieses sinnreiche Mittel an, die Röhren ganz zu entbehren. Er fasset das Objectivglas in ein ganz kurzes Rohr, das sich vermittelst einer Nuß nach allen Richtungen drehen läst, und befestigt es in der Höhe an eine feste Stange, an den Giebel eines Gebäudes u. dgl. Die Axe dieses Rohrs konnte er mit einem seidnen Faden richten, und sie in eine gerade Linie mit der Axe einer andern kurzen Röhre bringen, worinn das Augenglas befindlich war, und die er in der Hand hielt. Auf diese Art konnte er Gläser von den grösten Brennweiten in jeder Höhe des Gegenstandes, selbst im Zenith, gebrauchen, wenn nur ein Standpunkt von hinlänglicher Höhe vorhanden war, um das Objectivglas daran zu befestigen. Ausserdem hatte er noch eine Erfindung angebracht, das Gestell, worauf die Röhre mit dem Objectivglase ruhete, an einer Stange zu erhöhen oder niederzulassen, je nachdem es die Stellung des Gegenstandes erforderte. Da man heut zu Tage nach der Erfindung der Spiegelteleskope und achromatischen Fernröhre die langen Röhren gar nicht mehr braucht, so habe ich keine Abbildung dieser zu ihrer Zeit nützlichen Maschine geben wollen. Man findet aber dergleichen beym Wolf (Elem. Dioptr. Tab. VIII. Fig. 65.) und beym Smith (Lehrbegrif der Optik, durch Kästner, Taf. XIX. Fig. 56.), wo man auch Huygens ganze Schrift übersetzt lesen kan (S. 329 u. f.).

Bianchini (Hesperi et Phosphori nov. phaen. p. 59. und in Mém. de l'acad. roy. des Sc. 1713.) hat noch einige Verbesserungen dieser Maschine angegeben, so wie auch de la Hire (Mém. de l'acad. 1715.), der das Objectivglas nicht in ein Rohr, sondern in ein Bret, einschließt (s. Smith S. 335.)

Eine ähnliche, aber nicht ganz so bequeme, Vorrichtung hat auch Hartsoeker vorgeschlagen (s. Miscell. Berolin. To. I. p. 261.). Da die Röhren auch dienen, das fremde Licht von den Seiten her abzuhalten, so sind alle diese Erfindungen nur bey Nacht, schwerlich aber am Tage oder beym Mondscheine, zu gebrauchen.

Huygens Vorrichtung ist vorzüglich in England von D. Pound und dessen Vetter Bradley mit Nutzen gebraucht worden, um ein Objectivglas von 123 Fuß Brennweite zu behandlen, welches Huygens verfertiget, und der königlichen Societät geschenkt hatte. Pound sahe dadurch die Saturnstrabanten im Jahre 1718 zum erstenmale in England, und überzeugte seine Landsleute von ihrer Existenz, die sie bis dahin auf Cassinis bloßes Wort nicht hatten glauben wollen.

Weil aber dieses Hülfsmittels ungeachtet sowohl die Verfertigung als der Gebrauch der Gläser von so langen Brennweiten höchst beschwerlich blieb, so fuhr man noch immer fort, auf Mittel zu Verminderung der Abweichungen zu denken, damit man stärkere Vergrößerungen auch durch kürzere Fernröhre erhalten könnte. Man schlug dazu gefärbte Objectivgläser, Objectivringe von Glas, neue Einrichtungen der Fernröhre mit mehreren verschiedentlich gestellten Gläsern u. dgl. vor, ohne doch den gewünschten Zweck zu erreichen. Ich will hiebey nur noch bemerken, daß Zusammensetzungen, worinnen Hohlgläser vorkommen, zur Verminderung der Farbenzerstreuung geschickter sind, als solche, die aus lauter Convexgläsern bestehen. Es ist keineswegs unmöglich, in einem gemeinen Fernrohre, auch ohne den Gebrauch zweyer Glasarten, die Farbenzerstreuung aufzuheben, wofern nur ein Hohlglas darinn vorkömmt, mit lauter Convexgläsern aber ist es schlechterdings unmöglich (s. Lambert sur les lorgnettes achromatiques in den Nouv. mém. de Berlin. 1771. p. 338.). Vielleicht läst es sich hieraus erklären, wie einige der ersten galileischen Fernröhre so starke Vergrößerungen ohne allzu große Undeutlichkeit haben aushalten können.

Endlich machte die Ersindung der Spiegelteleskope, welche gar keine Farbenzerstreuung verursachen, und also starke Vergrößerungen bey geringer Länge vertragen, in diesen Bemühungen einen sehr langen Stillstand. Man hielt es mit Newton sogar für unmöglich, in den Fernröhren mit bloßen Gläsern die Abweichung wegen der Farben auf irgend eine Art zu vermeiden, bis man durch Dollonds glückliche Versuche von dem Gegentheile überzeugt wurde. Diese Verbesserungen der Fernröhre aber sind so wichtig, daß ich ihrentwegen ganz auf die ihnen gewidmeten eignen Artikel: Spiegelteleskop und Achromatische Fernröhre verweisen muß.

Beschreibungen der äussern Theile und Nebenstücke eines Fernrohrs, z. B. der Fassungen der Gläser, der Röhren, Stative, gefärbten Gläser zur Betrachtung der Sonne u. dgl. wird man hier wohl nicht erwarten, zumal da fast jeder Künstler und Liebhaber hiebey seinen eignen Ideen und Bedürfnißen folget. Etwas von Röhren und Stativen hat Wolf (Elementa Dioptricae. Probl. 29 et 34.) aber freylich so, daß es für die jetzigen Fernröhre nicht mehr passend ist. Die englischen Künstler sind jetzt darinn die Lehrmeister der übrigen, und bearbeiten auch das Aeusserliche an den Fernröhren sehr fest und sauber. Uebrigens kömmt auf das genaue Centriren und die feste Stellung der Gläser so viel an, daß ohne dieses die besten Gläser völlig unbrauchbar sind. Von den Mikrometern und Heliometern, die man bey Fernröhren anbringt, handlen eigne Artikel dieses Wörterbuchs. Man s. auch die Worte: Binoculartelescop, Helioskop, Polemoskop, Vergrößerung, Auzometer.

Bey der Beobachtung selbst übersieht man ein ganzes kreisrundes Feld, das Gesichtsfeld, und in sehr vielen Fällen ist daran gelegen, den Mittelpunkt desselben, der in des Fernrohrs Axe liegt, unterscheiden zu können. In dieser Absicht spannt man inwendig im Ocularrohre zween feine Fäden aus, die sich im Brennpunkte des letzten Augenglases rechtwinklicht durchkreuzen. Diese Fäden wird man durch das Augenglas deutlich sehen, und ihr Durchschnittspunkt wird die Mitte des Gesichtsfelds bestimmen. Man kan auch ein ebnes Glas gebrauchen, auf dem Linien statt der Fäden gerissen sind. Diese Veranstaltung heist ein Fadenkreuz, und wird nicht allein oft bey astronomischen Beobachtungen, sondern auch vorzüglich da gebraucht, wo Fernröhre die Stelle der Dioptern bey Feldmesserwerkzeugen, astronomischen Quadranten u. dgl. vertreten. Dies heissen teleskopische Dioptern, und werden den bloßen Dioptern (nudis pinnicidiis) entgegengesetzt. Wenn alsdann der Durchschnittspunkt des Fadenkreuzes den Punkt, nach welchem man visiren will, bedeckt, so richtet sich die Axe des Fernrohrs, also auch die mit ihr parallele Visirlinie des Instruments (linea fiduciae) nach diesem Punkte. Das Visiren nach entlegnen Punkten erhält dadurch weit mehr Genauigkeit, als durch bloße Dioptern zu erreichen möglich ist, daher bey großen geometrischen Messungen, beym Wasserwägen und bey den astronomischen Winkelmessern keine andern, als teleskopische Dioptern, gebraucht werden. Zum erstenmale ist das Fernrohr auf diese Art von Picard im Jahre 1669 bey seiner Gradmessung in Frankreich gebraucht worden.

Montucla hist. des mathematiques To. II. P. IV. L. 3.

Priestley Geschichte der Optik durch Klügel S. 48 u. f. 158 u. f. 534.

Weidler Historia astronomiae. Viteb. 1741. 4. Cap. XV.

Smith vollständiger Lehrbegrif der Optik, durch Kästner, an mehreren Stellen.

Kästners Anfangsgründe der Dioptrik §. 86. u. f.

Wolf Elem. Dioptricae, in Elem. Mathes. univ. Halae. 1715. 4. To. II.

Brisson Dict. raisonné de Physique, Art. Lunette, Telescope.