Gehler, J. S. T.
Physicalisches Wörterbuch


Auflösung
Auflösung, Solutio, Dissolution.

Diesen Namen führt die Verbindung der Grundstoffe zweener Körper von verschiedener Natur, aus welcher eine Trennung der vorigen Verbindung ihrer Theile, und eine neue Verbindung derselben, mithin ein neuer anders, als beyde vorige, zusammengesetzter Körper entsteht. So wird z. B. ein Stück Silber im Scheidewasser aufgelöset, d. h. die Salpetersäure trennt den Zusammenhang der Bestandtheile des Silbers, und verbindet sich mit dem darinn enthaltenen Brennbaren; der erdigte Theil des Silbers hingegen verbindet sich, wie es scheint, mit dem in der Salpetersäure enthaltnen luftartigen Stoffe; aus allem zusammen entsteht ein neuer flüßiger Körper, die Silberauflösung, in welchem die Theile ganz anders verbunden sind, als sie es vorher im Silber und Scheidewasser, jedem besonders genommen, waren.

Da hiebey der vorige Zusammenhang der Theile getrennt werden, und also ein Körper in die Zwischenräume des andern eindringen muß, welches einen flüßigen Zustand des eindringenden Körpers voraussetzt, so muß bey jeder Auflösung wenigstens der eine Körper flüßig seyn. Daher der chymische Grundsatz: Corpora non agunt, nisi fluida.

Man nennt insgemein den flüßigen Körper das Auflösungsmittel (menstruum). Dies kan zugelassen werden; nur mus, man nicht den falschen Begrif damit verbinden, als ob das Auflösungsmittel allein sich thätig, und der feste Körper nur leidend verhielte. Sie wirken beyde in einander. Bisweilen sind beydes flüßige Körper, und dann ist es gar nicht mehr schicklich, den einen als Auflösungsmittel, den andern als aufgelöst werdenden, zu betrachten. Wenn hingegen der eine fest ist, so muß der flüßige den stärkern Zusammenhang seiner Theile trennen, und in dieser Rücksicht etwas mehr thun, als jener. Hier ist es sehr schicklich, den flüßigen das Auflösungsmittel zu nennen; man muß nur nicht vergessen, daß der feste Körper ebenfalls wirkt, und das Menstruum auflöset.

Auflösungen geschehen entweder auf dem nassen Wege, d. i. durch Auflösungsmittel, die im gewöhnlichen Zustande flüßig sind; oder auf dem trocknen Wege, d. i. durch Schmelzung, wo einer oder beyde Körper erst durchs Feuer flüßig gemacht werden.

Wenn alle und jede Grundstoffe beyder Körper mit einander vereiniget werden, so ist die Auflösung vollkommen. Aus dergleichen vollkommnen Auflösungen entstehen durchsichtige Körper, z. B. das Glas aus einer vollkommnen Auflösung der Erden durch Alkalien auf dem trocknen Wege.

Alle Auflösungen sind Wirkungen der Anziehung zwischen den Theilen der Körper, Wirkungen der Attraction bey der Berührung, s. Attraction. Wenn Auflösung erfolgen soll, so muß die Anziehung zwischen den Theilen verschiedener Körper stärker seyn, als der Zusammenhang der Theile jedes Körpers, einzeln genommen, ist. Wenn die Anziehung den Zusammenhang der Theile nur im flüßigen, nicht aber im festen Körper, zu trennen vermögend ist, so erfolgt nur Adhäsion, s. Adhäsion. Die Anziehung zwischen Glas und Wasser vermag nur den Zusammenhang der Wassertheile, nicht den der Glastheile zu trennen; daher hängt Wasser dem Glase an, kan es aber nicht auflösen. So erfolgen Anhängen und Auflösung aus einerley Grunde. Auch lösen sich nie Körper auf, die nicht an einander anhängen.

Hieraus läst sich leicht das Eindringen des flüßigen Körpers in des festen innere Theile bey den Auflösungen erklären. Des festen Zwischenräume sind eben so viele Haarröhren, in welche der flüßige vermöge des Anhängens eindringt, s. Haarröhren. Diese Erklärung der Newtonianer ist wenigstens wahrscheinlicher, als die von Descartes, welcher hier seine subtile Materie wirken, und die spitzigen Keile der Auflösungsmittel in die aufzulösenden Körper hineintreiben ließ.

Man könnte die Auflösungen in solche theilen, wobey blos der Zusammenhang der aggregirten Theile getrennt wird (superficielle Auflösung, Solution), und in solche, wobey dem einen oder beyden Körpern gewisse Theile entzogen, und mit Theilen des andern Körpers inniger verbunden werden (wesentliche Auflösung, Dissolution). Eine superficielle Auflösung giebt Salz im Wasser, eine wesentliche Metall im Scheidewasser aufgelößt. Im ersten Falle erhält man durch Abscheidung des unveränderten Auflösungsmittels den vorigen Körper wieder, im zweyten Falle sind bey veranstalteter Absonderung beyde Körper verändert. Da inzwischen beyde Arten aus einerley Grunde erfolgen, so hält Macquer für unnöthig, sie zu unterscheiden.

Daß oft ganz leichte Flüßigkeiten schwere feste Körper in sich aufgelößt halten, ist leicht begreiflich, da die Trennung der vorigen Theile auch die vorige specifische Schwere ändert, und der neue Zusammenhang weit stärker, als die Schwere wirkt.

Macquer chym. Wörterb. Art. Auflösung, und Leonhardi Anm.