Gehler, J. S. T.
Physicalisches Wörterbuch


Atomen
Atomen

Atomi, Elementa corporum individua, Atomes. So werden von einigen Naturforschern die ersten nicht weiter theilbaren aber immer noch körperlichen Bestandtheilchen der Materie genannt. Daß wir die Theilung der Körper durch allerley Mittel sehr weit treiben können, ist bekannt, und wird bey dem Worte Theilbarkeit durch Beyspiele bestätiget werden. Aber ob diese Theilung ohne Ende fort möglich sey, darüber kan uns die Erfahrung nicht belehren: weil sich bey fortgesetzter Theilung die Theilchen bald unsern Sinnen entziehen. Ob man also endlich auf gewisse letzte körperliche Theile, die an sich selbst und ihrer Natur nach nicht weiter theilbar sind, auf Atomen, kommen müsse, oder ob die Materie ohne Ende theilbar sey, ist eine blos speculative Frage; die Erfahrung lehrt nur, daß es Grenzen gebe, bey denen wir zu theilen aufhören müssen.

Für die Meinung, daß alle Materie aus untheilbaren Körperchen zusammengesetzt sey, haben sich schon im Alterthum Moschus, Leucippus, Democrit und Epikur erklärt. Des letztern, noch mit vielen Zusätzen vermischtes, System (s. Cic. de fin. I. 6.) wird von Lucretius (De rerum natura. Lib. VI. c. interpr. et notis Thom. Creech. Oxon. 1695. 8. Basil. 1770. gr. 8.), und unter den Neuern von Gassendi (Gassendi Opp. Lugd. 1685. VI. To. fol.) vorgetragen. Newton und Boerhave haben gelehrt, die Materie bestehe aus einer Menge oder Anhäufung fester, harter, schwerer, undurchdringlicher, träger und beweglicher Theilchen, von deren verschiedner Zusammenordnung die Verschiedenheit der Körper herrühre. Diese kleinsten Theilchen können sich durch eine sehr starke Anziehung mit einander verbinden, und größere Theile ausmachen, welche einander weniger anziehen; diese können wiederum durch ihren Zusammenhang noch größere Theile bilden, deren Anziehung gegen einander noch schwächer ist, bis endlich die gröbern in unsere Sinne fallenden Theile entstehen, von welchen die Farben der Körper und die chymischen Operationen abhängen, und welche durch ihren Zusammenhang die Körper von merklicher Größe ausmachen. Dieses System, welches die Eigenschaften der Körper aus der Zusammenordnung der ersten Theilchen zu erklären sucht, wird mit dem Namen der Philosophia s. Physica corpuscularis bezeichnet.

Wer die Existenz der Materie einräumt, kan ihr auch erste ungetheilte Elemente nicht füglich absprechen. Ob diese ungetheilten Körperchen zugleich untheilbar sind, das kömmt auf den Begrif an, den man mit den Worten untheilbar und Materie verbindet. Versteht man unter Theilbarkeit die Möglichkeit, sich in jedem Theile der Materie, den man als ausgedehnt betrachtet, eine rechte und linke, eine obere und untere Seite zu gedenken, welche der Verstand als abgesondert betrachten kan, so ist jedes Theilchen, so klein es auch sey, noch theilbar. Versteht man aber wirkliche Theilung, so ist Theilbarkeit ins unendliche ein Ausdruck ohne Bedeutung, und es giebt eine letzte Grenze, auf welcher alle menschliche Möglichkeit der Theilung aufhört, und bey aller etwa künftig noch zu hoffender Vervollkommnung der mechanischen und chymischen Theilungs- und Zersetzungsmittel stets aufhören wird. Will man nun das, was an dieser letzten möglichen Grenze der Theilung übrig bleibt, untheilbar nennen, so muß man in diesem Sinne Atomen einräumen, das ist, erste untheilbare Körperchen, welche immer noch ausgedehnt sind, und, da sie sich durch physische Kräfte nicht weiter trennen lassen, Härte, folglich auch alle übrige Eigenschaften der Materie besitzen.

Diejenigen, welche den ersten Theilen der Materie die Ausdehnung absprechen, machen sich freylich hievon, so wie von der Materie überhaupt, andere Begriffe, s. Materie. Untersuchungen hierüber gehören mehr für den Metaphysiker, als für den Naturforscher, und gehen allem Vermuthen nach weiter, als der Schöpfer dem Menschen hier zu sehen vergönnt hat; man täuscht sich dabey mit dem Wahn, etwas zu wissen, welchem der weisere und bescheidnere Naturforscher ein offenherziges Geständniß der Unwissenheit weit vorziehet.