Gehler, J. S. T.
Physicalisches Wörterbuch


Atmosphäre des Monds.
Atmosphäre des Monds.

Zus. zu Th. I. S. 160—163.

Don Antonio de Ulloa (Mém. de l'Acad. des sc. 1778. p. 64. Rozier Journ. de phys. 1780. Avril. p. 319.) behauptet das Daseyn einer Mondatmosphäre, und schreibt ihr die Erscheinung des Ringes zu, der sich bey gänzlichen Sonnenfinsternissen allemal um die Mondscheibe zeigt, und von ihm selbst am 24. Jun. 1778 auf dem Meere zwischen Tercera und Cap St. Vincent beobachtet ward.

Vorzüglich aber hat Herr Schröter (Selenotopographische Fragmente. Lilienthal, 1791. gr. 4. §. 379—396. 398. 402. 416. 417. §. 525. 526.) das Daseyn der Mondatmosphäre aus einer Menge zufälliger Veränderungen geschlossen, die er an den Flecken wahrnahm, und die sich kaum anders, als durch atmosphärische Ursachen, erklären lassen. So ward z. B. an gewissen Stellen abwechselnd ein nebelähnliches dunkles Gemisch wahrgenommen; an einem Berge im Cleomedes erschien bisweilen eine große ausserordentlich helle Einsenkung, die zu anderer Zeit unter völlig gleichem Erleuchtungswinkel nicht gesehen ward, u. s. w. Dennoch muß diese Atmosphäre des Monds ganz anders, als der Dunstkreis der Erde, beschaffen, ungleich trockner, feiner und reiner seyn. Die atmosphärischen Verdickungen bilden nicht, wie auf der Erde und im Jupiter, große sich weit verbreitende Decken, sondern geben nur einzelnen kleinen Theilen der Fläche ein etwas verändertes Ansehen. Wahrscheinlich senken sich die aufgestiegnen Theile, welche die Gegenstände unkenntlich machen, bald wieder zur Mondfläche nieder; auch ist keine Spur von ausgebreiteten und anhaltenden atmosphärischen Bewegungen oder Winden zu entdecken. Herr Schröter bemerkt noch, daß die monatlich abwechselnde Mondnacht allem Ansehen nach auf die Modification der Atmosphäre großen Einfluß habe, und vielleicht auf Wachsthum und Farbe vieler Flächentheile eben so, wie unser Sommer und Winter, wirke. Dahin gehört der Gedanke von Herrn Bode, daß vielleicht die Dünste der Tagseite wegen der Wärme nach der kältern Nachtseite getrieben werden, und deswegen die erleuchtete Fläche immer heiter erscheint. Auch einige Schwächung des Sonnenlichts durch die Mondatmosphäre schien sich aus Herrn Schröters Beobachtungen an der Lichtgrenze des Monds zu ergeben; von einer Dämmerung aber hatte er damals noch keine Spur wahrgenommen.

Endlich gelang es ihm am 24. Febr. 1792, Abends um 5 Uhr 40 Min., 2 1/2 Tag nach dem Neumonde, mit 74 sacher Vergrößerung des 7 schuhigen Herschelischen Teleskops, eine deutliche Beobachtung der Monddämmerung zu machen (s. Göttingische gelehrte Anz. 1792. 86. Stück, S. 857 u. f.). Er gab darauf Acht, wie sich die dunkle blos von der Erde erleuchtete Halbkugel aus unserer Erddämmerung dem Auge enthüllen würde. Sie fieng auf einmal an, sich an ihrem Rande, aber blos an beyden Hornspitzen, auf einige Grade weit zu entwickeln, und dabey zeigte sich, aber blos hier, ihr Rand über eine Minute weit in einem äusserst matten graulichten Lichte, welches gegen das Licht der äussersten Hornspitze, in einer ganz andern Farbe, eben so abstach, wie das von Herrn Schröter ebenfalls entdeckte Dämmerungslicht in der Nachtseite der Venus, und wie unsere Erddämmerung gegen das unmittelbare Sonnenlicht. Dieses Licht verlor sich ostwärts nach und nach, und fiel am Ende so matt ab, daß es sich unbegrenzt mit der matt dämmernden Farbe des Himmels vermischte. Vom übrigen Mondrande und von der ganzen dunkeln Halbkugel war damals mit aller Anstrengung des Gesichts noch nichts zu entdecken: erst nach 8 Min. erschien der ganze Rand, und zwar auf einmal völlig. Eine so feine Naturscene, als dieses dämmernde Licht, läßt sich zwar in keiner Zeichnung treffend genug darstellen, und keinen genauen Messungen unterwerfen; inzwischen hat Herr Schröter einige Bestimmungen zu machen versucht, und daraus den untern dichten Theil der Mondatmosphäre, welcher diese Dämmerung verursacht, 226 Toisen gefunden (den Halbmesser des Monds 234 geograph. Meilen = 891914 Toisen gesetzt). Diese Dämmerung erstreckt sich von der Lichtgrenze an bis dahin, wo sie dem dortigen Erdenlichte gleich wird, über einen Bogen der Mondfläche von 2° 34′ 25″, oder 10 1/3 geogr. Meilen weit. Auch diese untere dichtere Mondluft ist doch feiner, als die unsrige; über die höchsten Mondberge muß sie sich noch weit dünner erstrecken. Nach solchen Entdeckungen eines solchen Beobachters kann über das Daseyn einer Mondsatmosphäre kein weiterer Zweifel statt finden.