Gehler, J. S. T.
Physicalisches Wörterbuch


Atmosphäre des Monds
Atmosphäre des Monds

Atmosphaera lunaris, Atmosphère lunaire. Nach der Meinung einiger Astronomen soll auch der Mond mit einer dichtern Materie oder Dunstkugel umgeben seyn. Allein die Erfahrungen, welche man hierüber anführt, lassen sich auch anders erklären.

Schon Plutarch (Lib. de sacie lunae, Op. Plut. ex edit. Xylandri 1620. fol. To. II. p. 939.) gedenkt einer Mondluft. Die neuern Astronomen hat wahrscheinlich der Gedanke, daß der Mond bewohnt sey, die Bewohner aber, wie wir, einer Luft bedürften, zur Annehmung einer Mondsatmosphäre veranlasset. Daher ist ihr Daseyn von Galilei, Kepler, Scheiner, Hevel, und in diesem Jahrhunderte von Wolf, Mairan, Bianchini, Fontenelle u. a. angenommen und vertheidiget, von andern Sternkundigen hingegen, z. B. Huygens, Cassini, Gregory, de la Hire, de l' Isle, Tob. Mayer, geläugnet worden.

Man hat für das Daseyn einer Atmosphäre des Monds den hellen concentrischen Ring, der sich bey gänzlichen Sonnenfinsternissen um den Mond zeigt, und die längliche Gestalt der Planeten, wenn sie nahe am Mondrande gesehen werden, anführen wollen. Andere haben sich auf ein beobachtetes Zittern des Sonnenlichtes beym Ein- und Austritte der Mondscheibe in dasselbe, auf eine unregelmäßige Bewegung der Fixsterne bey dem Anrücken des Mondrandes gegen dieselben, auf die bald größere bald geringere Deutlichkeit der Mondflecken, auf den im dunklen Theile des Mondflecken Plato bemerkten hellen Streif, auf die Veränderlichkeit des Monddurchmessers bey Sonnenfinsternissen u. dgl. berufen. Einiger dieser Gründe bedient sich Wolf (Elem. Astron.), um die höchste Aehnlichkeit zwischen Erd- und Mondluft zu erweisen, die er so weit treibt, daß er es im Monde sogar, wie bey uns, regnen, hageln, schneyen und reifen läst. Halley (Philos. Trans. no. 343.) und Louville (Hist. de l' acad. roy. des Sc. 1715.) wollten bey der Sonnenfinsterniß am 3 May 1715 sogar Blitze im Monde gesehen haben. Von ähnlichen neuerlich beobachteten Erscheinungen s. den Art. Mond.

Einige dieser Beweise, z. B. der aus dem hellen Ringe bey Sonnenfinsternissen, aus der länglichen Gestalt der Planeten, und dem unregelmäßigen Fortrücken der Fixsterne bey Annäherung an den Mondrand, lassen sich dadurch entkräften, daß man diese Phänomene eben so leicht und natürlich aus der Beugung der Lichtstralen herleiten kan. Ein solcher Ring zeigt sich um jeden Körper, mit dem man sich die Sonne verdeckt, oder mit dem man das in einen verfinsterten Ort fallende Sonnenlicht auffängt; wie de la Hire und de l'Isle (Mém. de l'Acad. des Sc. 1715. p. 147.) gezeigt haben. Das Zittern des Sonnenlichts und die größere oder geringere Deutlichkeit der Mondflecken scheinen eher von Dünsten in unserer Atmosphäre herzurühren; der Lichtstral in der Hölung des Plato läst sich durch das Einsallen des Sonnenlichts zwischen Bergen in ein übrigens dunkles Thal auch ohne Atmosphäre begreifen; die Vergrößerung des scheinbaren Sonnentellers bey ringförmigen Sonnenfinsternissen kan eine Wirkung der Beugung des Lichts seyn, obgleich Euler (Mém. de l'Acad. de Prusse. 1748. S. 103.) daraus wirklich eine Mondluft schließt, die aber 200mal dünner, als die unsrige, sey.

Die neuern Vertheidiger der Mondatmosphäre, z. B. du Sejour (Mém. de l'Acad. des Sc. 1775. p. 268.) wenden dagegen ein, durch Erklärungen aus der Beugung stoße man jene Beweise nicht um; denn Beugung der Stralen am Rande des Monds lasse sich ohne Atmosphäre um ihn nicht denken.

Huygens (Cosmotheorus, Hagae Com. 1698. 4. p. 115.) wendet gegen das Daseyn der Mondatmosphäre ein, man würde den Mondrand bey Bedeckungen der Sterne nicht so scharf und glatt abgeschnitten, sondern mit einem Schimmer umgeben (evanida quadam luce, ac velut lanugine finitam) finden, auch sey im Monde kein Wasser, aus dem Dünste aufsteigen könnten, wie man denn auch keine Wolken darinn sehe. Dagegen erinnert Mairan (Tr. de l' aurore boreale. sec. edit. 1754. p. 276.), wenn man die Mondatmosphäre in Vergleichung mit dem Monde so groß setze, als der Luftkreis in Vergleichung mit der Erde ist, so gehe ein Stern durch den stralenbrechenden Theil derselben in einer Secunde hindurch, welche Zeit zu kurz sey, um die Wirkungen der Refraction zu bemerken; man habe auch manchmal Sterne noch vor dem Augenblicke ihrer Verschwindung an den Mondrand treten gesehen; auf der Erde gebe es auch Länder, wo der Himmel stets heiter sey; wenn kein Wasser im Monde sey, so sey es leicht begreiflich, daß auch keine Wolken da seyen, zumahl da der vierzehntägige Sonnenschein die Dünste sehr verdünnen müsse; der im Plato gesehene Lichtstreif sey vielleicht ein solcher verdünnter Dunst gewesen, wenigstens setze auch einfallendes Sonnenlicht in dunklen Orten Dünste voraus, die es zurückwerfen und für uns sichtbar machen könnten u. s. w.

Man sieht hieraus, daß der Streit über das Daseyn einer Mondatmosphäre noch immer unentschieden, und nur so viel gewiß sey, daß der Mond in Absicht auf Luft und Luftbegebenheiten unserer Erde so ähnlich nicht ist, als einige, haben vorgeben wollen. Oft hat sich auch Vorliebe zu gewissen Hypothesen mit eingemischt, wie denn Hevel, der in seiner dem Monde besonders gewidmeten Selenographie der Mondatmosphäre mit keinem Worte gedacht hatte, erst zwanzig Jahre darnach ein Vertheidiger derselben ward, als er sie zu seiner Hypothese über die Cometen nöthig hatte, wobey er doch selbst gesteht (Cometograph. L. VII. p. 362.), in luna manifestas atmosphaerae observationes plane deficere.

Christlob Mylius Gedanken über die Atmosphäre des Monds, Hamburg 1746. 4. Kästner Anfangsgr. der ang. Math. 2 Abth. §. 191.

Atmosphären, elektrische, s. Wirkungskreise, elektrische.

Atmosphärische Elektricität, s. Luftelektricität.

Atmosphärische Luft, s. Gas, atmosphärisches.