Gehler, J. S. T.
Physicalisches Wörterbuch


Atmosphäre der Sonne
Atmosphäre der Sonne

Atmosphaera solaris, Atmosphère solaire. Eine feine um die Sonne verbreitete und gegen dieselbe gravitirende Materie, welche sich uns unter der Gestalt des Zodiakallichts zeiget, s. Thierkreislicht.

Die Alten, welche die Sonne für das reinste und unverderblichste Wesen hielten, konnten dem Gedanken von einem Dunste um dieselbe nicht Raum geben. Kepler (Epit. astron. Copernic. L. VI. p. 595.), wo er erklärt, warum die totalen Sonnenfinsternisse nicht eine völlige Nacht machen, redet von einer substantia crassa circa solem, non hic in nostro aëre, sed in ipsa sede solis. Cassini aber, der das Thierkreislicht im Jahre 1683 entdeckte, nahm keinen Anstand, es für die vom weiten erblickte Atmosphäre der Sonne zu erklären (Découverte de la lumiére celeste, qui paroist dans le zodiaque in den anciens Mém. To. VII.). Mairan (Traité de l' aurore boreale. Paris 1733. 4. sec edit. 1754. gr. 4.) hat sehr ausführlich von dieser Sonnenatmosphäre gehandlet, und ihr Daseyn wird jetzt von keinem Astronomen mehr in Zweifel gezogen.

Aus welcher Materie sie bestehe, ob diese Materie ein Ausfluß aus der Sonne, oder eine Sammlung von heterogenen aus dem Aether gegen die Sonne gefallenen Theilen sey, darüber können wir nicht entscheiden. Wir sehen nur, daß sie leuchtet und durchsichtig ist; ihr Licht kan entweder ihr eigen seyn, oder davon herkommen, daß ihre Theilchen einen Theil des Sonnenlichts zurückwerfen.

Die Gestalt der Sonnenatmosphäre muß den Erscheinungen des Thierkreislichts zufolge ein sehr abgeplattetes Sphäroid seyn, oder einer auf beyden Seiten erhabnen Glaslinse gleichen. Wir sehen das Thierkreislicht stets unter der Gestalt eines zugespitzten Streifens, wie etwa ACB Taf. II. Fig. 26. (fuseau), und es giebt keinen runden Körper, der so erschiene, als das linsenförmige Sphäroid, wenn es aus der Ebne seines grösten Kreises betrachtet wird. Nach Cassini Beobachtungen ist diese Ebne die Ebne des Sonnenäquators, oder der Umdrehung der Sonne um ihre Axe, gegen welche, wie die Beobachtungen der Sonnenflecken längst gelehrt haben, die Ebne der Erdbahn unter einem Winkel von 7 1/2 Grad geneigt ist. Sehr wahrscheinlich wird also die starke Abplattung der Sonnenatmosphäre durch die Umwälzung der Sonne um ihre Axe eben so verursacht, wie die Abplattung der Erde selbst und ihres Luftkreises durch die tägliche Umdrehung der Erde veranlasset wird; und die Stärke dieser Abplattung zeigt eine ungemeine Feinheit und Leichtigkeit der Materie des Thierkreislichts an. Da die Erdbahn mit der Ebne des Sonnenäquators nur einen sehr kleinen Winkel macht, so können wir nie in Lagen kommen, in welchen uns diefes Shäroid anders, als in der Form einer zugespitzten Säule erschiene; da es sonst, aus einem Punkte in der Axe gesehen, als ein Kreis um die Sonne erscheinen müste.

Wie weit sich diese Sonnenatmosphäre erstrecke, kan aus der Weite geschlossen werden, um welche die Spitze des Thierkreislichts von dem scheinbaren Orte der Sonne absteht. Beträgt diese Weite 90°, so muß sich die Sonnenatmosphäre bis an die Erdbahn erstrecken; beträgt sie noch mehr, so muß die letztere sogar bis über die Erdbahn hinausgehen. Da man nun die gedachte Weite bisweilen 93, 95, 100 Grad gefunden hat, so läst sich hieraus folgern, daß der Umfang der Sonnenatmosphäre sich zu manchen Zeiten bis über die Erdbahn hinaus erstrecke. Wenn zu solchen Zeiten die Erde gerade in einem der Punkte ist, in welchen sich die Ebne des Sonnenäquators mit der Erdbahn durchschneidet, so kömmt sie in die Sonnenatmosphäre selbst, und wird gleichsam in dieselbe versenkt. Herr von Mairan hat hieraus eine sehr sinnreiche Erklärung der Phänomene des Nordlichts hergeleitet, s. Nordlicht.