Gehler, J. S. T.
Physicalisches Wörterbuch


Antiphlogistisches System, antiphlogistische Chemie
Antiphlogistisches System, antiphlogistische Chemie

Systema antiphlogisticum, Chemia antiphlogistica, Systéme de chimie antiphlogistique. Unter diesem Namen ist das interessante Lehrgebäude der Chemie bekannt, welches die neuern französischen Scheidekünstler, vorzüglich nach Lavoisier, errichtet, und dadurch sowohl in den herrschenden Begriffen und Vorstellungsarten, als auch in der|Sprache ihrer Wissenschaft, eine gewaltsame, jedoch mit Scharfsinn, Standhaftigkeit und Glück durchgesetzte, Revolution veranlasset haben. Dieses System hat die angeführten Benennungen daher erhalten, weil die Läugnung des Stahlischen Phlogistons einen seiner Hauptcharaktere ausmacht. Da aber dieser Charakter bey weitem nicht sein ganzes Wesen erschöpft, und man ein Gegner des Systems seyn kann, ohne deswegen gerade ein Phlogiston anzunehmen, so möchte man ihm mit Herrn Hofr. Lichtenberg lieber den Namen der neuen oder französischen Chemie beylegen.

Als ich die ersten Bände dieses Wörterbuchs schrieb, waren zwar einzelne Abhandlungen, in welchen von Lavoisier u. a. hieher gehörige Meinungen vorgetragen wurden, bekannt genug; noch aber war der Name einer neuen Chemie in Deutschland nicht gehört, und die Sensation, welche diese Sache in der Folge erregte, nicht geahndet worden. Seit dem Jahre 1789, in welchem Lavoisier einen Abriß des neuen Systems herausgab, und mehrere französische Schriftsteller die neue Sprache zu reden anfiengen, ward dadurch unter den deutschen Gelehrten ein Aufsehen erregt, das aber von allen Seiten mit Zweifel, Widerspruch und Aeußerungen des Unwillens begleitet war. Daher ist es denn gekommen, daß ich in den letztern Bänden, insbesondere bey den Worten Phlogiston (Th. III. S. 468.), Säuren (eb. S. 747.), Schwefel (eb. S. 880.), Verbrennung (Th. IV. S. 442.), Verkalkung (eb. S. 460.), Wasser (eb. S. 648.) beyläufig einige Sätze dieses Systems angeführt, und seiner Nomenclatur gedacht habe, zuweilen freylich in Ausdrücken, die wenigstens für dieses alles keine Vorliebe verriethen.

Jetzt hingegen ist die Sache in einen andern Stand gekommen, und es hat dieses System durch den Scharfsinn, womit es errichtet ist, durch die einnehmende Simplicität seiner Erklärungen, und selbst durch Facta, (die ihm zwar keine directe Bestätigung geben, aber doch sehr wichtige Einwendungen dagegen widerlegen) über den Widerwillen und die Geringschätzung, die man ihm anfänglich entgegensetzte, einen ganz entscheidenden Sieg davon getragen. Schwerlich wird jetzt ein Physiker mehr läugnen, daß es unter den verschiedenen hypothetischen Vorstellungsarten, nach welchen man die Erfahrungen ordnen, verbinden und zu Erklärungen benützen kann, einen ausgezeichneten Platz verdiene, und es würde jetzt unverzeihlich seyn, in einem Buche davon zu schweigen, welches die Ausbreitung nützlicher Kenntnisse und schicklicher Vorstellungen von den natürlichen Dingen zur Absicht hat.

Ich werde daher in diesem Supplementbande die vornehmsten allgemeinen Begriffe, welche das antiphlogistische System in die Wissenschaft eingeführt hat, in neuen Artikeln oder in Zusätzen zu den vorigen, erläutern, die Synonymie an den gehörigen Orten durch Hinzufügung der neuen Namen ergänzen, und bey den Erklärungen der Naturbegebenheiten mit auf diejenigen Rücksicht nehmen, welche nach dem neuen System, fast immer mit ausgezeichneter Simplicität und Leichtigkeit, gegeben werden können. An gegenwärtiger Stelle will ich eine kurze Uebersicht des Ganzen nebst einigen allgemeinen Bemerkungen, und den litterarischen und historischen Nachrichten mittheilen, welche die antiphlogistische Chemie überhaupt betreffen.

Das ganze System geht von den Wirkungen des Wärmestoffs (Calorique) aus, der durch seine Elasticität die kleinsten Theile (molécules) der Körper trennt, und sie in den Zustand der tropfbaren, oder wenn die Elasticität den Druck der Atinosphäre überwindet, in den Zustand der elastischen Flüßigkeit versetzt, in welchem letztern man sie Gas (Gaz) nennt. Die Luft der Atmosphäre besteht aus zwey Arten von Gas, einem respirabeln und einem irrespirabeln, deren Mengen sich wie 27 : 73 verhalten. Die Basis des ersten erhält den Namen Sauerstoff (Oxygène); sie ist in der Natur sehr häufig verbreitet, und bildet mit dem Calorique das Sauerstoffgas (Lebensluft, Gaz oxygène). Die Basis des irrespirabeln Theils heißt Stickstoff, nach andern Salpeterstoff (Azote), und bildet mit Wärmestoff das Stickgas, Salpeterstoffgas (Gaz azote). Phosphor, Schwefel und Kohle trennen bey hohen Graden der Temperatur den Sauerstoff, den sie in der Luft finden, vom Wärmestoff, dadurch wird der letztere frey, und zeigt sich durch Hitze und Licht; darinn besteht das Verbrennen jener Substanzen; der Sauerstoff verbindet sich mit ihnen zu Säuren. So entstehen Phosphorsäure, Schwefelsäure, und mit der Kohle eine eigne, die bey dem gewöhnlichen Drucke und Temperatur der Luft nur in Gasgestalt erscheint (Luftsäure, sixe Luft), mit Wasser aber zu Kohlensäure wird. Diese Kohlensäure hat zur Basis den Grundstoff der Kohle, Kohlenstoff (Carbone). Dieses wird mit Versuchen belegt, welche mit dem genauesten Calcul über die Gewichte dieser Zusammensetzungen begleitet sind.

Eben so ist nun das Oxygen der Grundstoff aller übrigen Säuren (principe acidifiant). Eine Säure entsteht, so oft es sich mit einer dazu fähigen Basis (base acidifiable) verbindet. Bey solchen Verbindungen drückt die neue Nomenclatur den Grad, der die Sättigung mit Oxygen noch nicht erreicht, durch die Endung in eux, die Sättigung selbst durch die in ique, die Uebersättigung durch den Zusatz oxygèné aus. So heißt die flüchtige Schwefelsäure Acide sulfureux (Schwefelsaures), die Vitriolsäure Acide sulfurique (Schwefelsäure). Solche Verbindungen heissen Säurungen (Oxygenations), und das Verbrennen ist eine Säurung.

Das Verkalken der Metalle ist eine unvollkommne Säurung (Oxidation), weil die Metalle dadurch zwar mit Sauerstoff verbunden, aber nicht gesättigt, nur in Mittelsubstanzen, Halbsäuren (Kalke, Oxides) verwandelt werden. Der hinzukommende Sauerstoff vermehrt das Gewicht; und demnach müssen diese metallischen Halbsäuren, als zusammengesetzte Körper, und die Metalle selbst, als Bestandtheile davon, betrachtet werden.

Auch das Wasser ist zusammengesetzt; denn man kann es durch Kohlen und Eisen mittelst des Feuers in Bestandtheile zerlegen, und aus denselben durch Verbrennung wieder Wasser hervorbringen. Man findet diese Bestandtheile in Gasgestalt, nemlich Lebensluft und leichtes brennbares Gas; des letztern Basis wird daher Wasserstoff (Hydrogène), das Gas selbst Wasserstoffgas (Gaz hydrogène) genannt. Die Basen dieser Gasarten, Sauerstoff und Wasserstoff, machen die eigentlichen Bestandtheile des Wassers aus; und 100 Theile Wasser bestehen aus 85 Theilen Oxygen und 15 Theilen Hydrogen.

Die Säuren bestehen aus Verbindungen von Basen mit Sauerstoff, so wie die Gasarten aus Verbindungen von Basen mit Wärmestoff. So sind die meisten Substanzen, die man im alten System für einfach ansahe, in dieser neuen Chemie zusammengesetzt. Dagegen werden hier andere Substanzen, die man sonst für zusammengesetzt hielt, theils als einfache, theils als unzerlegte Körper betrachtet. Die einfachen lassen sich gar nicht, die unzerlegten nur durch bekannte Mittel nicht, zerlegen.

Einfach sind Lichtstoff, Wärmestoff, Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Kohlenstoff, Schwefel, Phosphor, Basis der Kochsalzsäure (Radical muriatique), Basis der Flußspathsäure (Radical fluorique), und der Boraxsäure (Radical boracique).

Zu den unzerlegten Körpern rechnet man die beyden fixen Laugensalze (Potasse und Soude); die Basis des flüchtigen (Ammoniac) ist aus Stickstoff und Wasserstoff zusammengesetzt. Ferner die Erden und die Metalle (wiewohl Lavoisier selbst diese für einfach hält), unter welchen einige z. B. Zinn, Arsenik, Wasserbley, Wolframmetall mit dem Sauerstoff so gesättiget werden können, daß sie eigne Säuren bilden (metaux oxygènés), daher man eben dieses auch von den übrigen Metallen annimmt,

Durch Zusammensetzung der einfachen und unzerlegten Stoffe entstehen zusammengesetzte Körper. Dahin gehören die Säuren mit zusammengesetzten Grundlagen, wie alle Säuren und Halbsäuren des Pflanzen-und Thierreichs. Sauerstoff, Wasserstoff und Kohlenstoff sind die drey allgemeinen Bestandtheile aller organischen Körper. Sie verlieren unter gewissen Umständen das Gleichgewicht, in dem sie standen, von selbst, und verbinden sich durch die verschiedenen Stufen der Gährung zu neuen Producten, dergleichen das Alkohol, der Essig, und die verschiedenen durch Fäulniß erzeugten Gasarten sind. Die künstlichen Zerlegungen organischer Körper liefern mancherley zusammengesetzte Stoffe, unter andern die Oele, wovon die riechenden mehr Wasserstoff, die fetten mehr Kohlenstoff enthalten.

Die durch den Sauerstoff in Säuren und Halbsäuren verwandelten Körper haben einen großen Hang, sich mit andern Körpern, vorzüglich mit Laugensalzen, Erden und Metallen zu verbinden. Aus diesen Verbindungen entstehen die Mittelsalze. Die Säuren sind, eigentlich zu reden, nicht Salze, sondern salzmachende Substanzen, und die Körper, mit denen sie sich verbinden, werden als die Grundlagen der Mittelsalze angesehen. Aus 48 Säuren und 27 Grundlagen (nemlich 3 Laugensalzen, 6 Erden und 18 Metallen), die wir kennen, lassen sich 1296 Mittelsalze zusammensetzen. Eigne willkührliche Namen für jedes insbesondere, nach Art der alten Chemisten, würden das Gedächtniß überladen, und Verwirrung in die Wissenschaft bringen, woraus die Nothwendigkeit einer neuen regelmäßigen Nomenclatur erhellet.

Die Verbindungen der Säuren in ique (die mit Sauerstoff gesättigt sind) werden durch die Endung in ate, hingegen die von Säuren in eux (die nicht gesättigt sind) durch Endung in ite unterschieden. So wird der Name der Säure flectirt, und der Name der Grundlage beygefügt. Nach der alten Sprache z. B. gab die Vitriolsäure (acide sulfurique) mit dem Gewächslaugensalze (Potasse) den vitriolisirten Weinstein, welcher hier Sulfate de Potasse heißt. Die Weinsteinsäure (acide tartareux) mit eben dem Laugensalze gab den tartarisirten Weinstein; dieser heißt nun Tartrite de Potasse. So der gemeine Salpeter Nitrate de Potasse, der würflichte Nitrate de Soude, das Küchensalz Muriate de Soude, Glaubers Wundersalz Sulfate de Soude, der Salmiak Muriate d'Ammoniaque u. s. w. Verbindungen einfacher nicht gesäuerter Stoffe, z. B. des Schwefels, Phosphors, der Kohle, mit andern Grundlagen, erhalten Namen in ure, Sulfure, Phosphure, Carbure (Sulphuretum, Phosphoretum, Carburas) z. B. Sulfure de potasse, geschwefelte Pottasche (Schwefelleber), Carbure de fer, gekohltes Eisen, u. s. w.

Schon dieser flüchtig entworfene Abriß wird zeigen, durch welche Hauptbegriffe sich diese neuere Chemie von der ältern vorzüglich unterscheidet. Die Hauptsache kömmt nicht sowohl auf Läugnung des Brennstoffs, Annahme der Wasserzerlegung, u. dgl. einzelne Sätze, als vielmehr auf eine ganz neue und umgekehrte Anordnung in Zusammensetzung und Zerlegung der Stoffe an, nach welcher die zusammengesetzten Körper des alten Systems hier als einfach, und mehrere sonst einfach angenommene hier als zusammengesetzt betrachtet werden. Dadurch wird das Zerlegung, was man sich sonst als Zusammensetzung dachte; und umgekehrt findet man da Vermehrung oder Hinzukommen eines neuen Stoffs, wo im alten System die Idee von Verminderung oder Entfernung eines Bestandtheils herrschte. Diese Vertauschung der Vorstellungsart hebt nun auf einmal eine Menge Schwierigkeiten. Das alte System hielt Verbrennung und Verkalkung für Verlust des Phlogistons, und dennoch sahe man bey diesem Verluste den Rückstand am Gewichte zunehmen. Dies zu erklären, ersann man allerley; im Grunde mußte sich doch jeder selbst gestehen, daß es nichts, als Künsteley und Flickwerk, war. Der Antiphlogistiker denkt sich beym Verbrennen und Verkalken ein Hinzukommen des Sauerstoffs; hier ist die Gewichtszunahme natürlich, und es wird durch Rechnung belegt, daß sie genau so viel betrage, als der hinzugekommene Sauerstoff selbst wog. Noch mehr, der Rückstand ist wirklich sauer. Ferner geschah nach dem alten System die Phlogistisirung der Luft durch Hinzukommen des Phlogistons, dennoch sahe man die Luft dabey an Gewicht und Volumen zugleich abnehmen. Wie viel natürlicher ist nicht die Vorstellung der neuern Chemie, die das ganze Phänomen als Zersetzung des Sauerstoffgas, und Entziehung des Oxygens betrachtet, wobey der unzersetzte Theil, das Stickgas, nicht erst erzeugt wird, sondern blos ausgeschieden zurückbleibt; der Wärmestoff, der hiebey frey wird, erklärt ganz ungesucht die Erhitzung, die solche Processe begleitet. Eben so ist es mit mehrern, ja, ich sage nicht zu viel, mit den meisten Erklärungen.

Damit will ich jedoch keinesweges behaupten, daß diese bequemen Vorstellungen, diese leichten Erklärungen in der That die wahren sind, und den wirklichen Gang der Natur ausdrücken. Das ganze Gebäude ist und bleibt vielmehr hypothetisch, und je mehr es durch sein gefälliges Ansehen blendet, desto vorsichtiger wird man seyn müssen, um sich nicht durch den Wahn, daß es alles erkläre, täuschen zu lassen. Die Gefahr ist in der That nicht gering, und selbst eifrige Gegner dieses Systems haben eingestanden, daß die hinreissende Beredsamkeit des Erfinders und der Verbreiter desselben, die scheinbare Deutlichkeit der Lehrsätze, das stete Hinweisen auf wahre und angeblich wahre Thatsachen, der zum Erstaunen weit getriebene und genaue Calcul, mit dem alles belegt ist, und die bewundernswürdige Leichtigkeit der Erklärungen, jeden überrasche, blende, mit sich fortreisse, und manche durchgreifende Machtsprüche, übereilte Folgerungen, Cirkel im Schließen, willkührlich und nach Bedürfniß bald so, bald anders, gemodelte Erklärungen u. dergl. übersehen lasse. (s. Westrumb über das antiphlogistische System, in Grens Iournal der Physik, B. V. S. 44.).

Die Antiphlogistiker, in deren Lehrgebäude die Gasarten, besonders die Lebensluft mit ihrer Basis dem Oxygen, eine so große Rolle spielen, heißen daher auch Gasisten, Oxygenisten (nach Hrn. de Luc Neologen). Sie setzen den Geburtstag der antiphlogistischen Chemie auf den 1. August 1774, an welchem Tage D. Priestley die dephlogistisirte Luft, oder ihr Sauerstoffgas, entdeckte, s. Gas, dephlogistisirtes (Th. II. S. 371). Es ist dort schon bemerkt, daß D. Mayow bereits 1674 Ideen von einem respirabeln Bestandtheile der Atmosphäre verbreitet habe; man findet überhaupt in den Schriften dieses englischen Arztes Vorstellungen, die den antiphlogistischen sehr ähnlich sind (I. A. Scherer Beweis, daß Ioh. Mayow vor hundert Jahren den Grund zur antiphlogistischen Chemie und Physiologie gelegk hat. Wien, 1793. 8.).

Lavoisier trug die Ideen und Erklärungen, aus welchen dieses System nach und nach erwuchs, seit dem Jahre 1777 in einzelnen Abhandlungen vor, welche unter den Schriften der pariser Akademie der Wissenschaften befindlich sind, und wovon sich besonders eine über die Verbrennung auszeichnet (Mém. sur la combustion en général etc. in den Mém. de Paris. 1777. p. 592. deutsch in Crells neusten Entd. in der Chemie, Th. V. S. 188). Die meisten französischen Scheidekünstler nahmen eben diese Vorstellungen und die ihnen gemäßen Redensarten an, bis endlich die im Jahre 1782 von Cavendish und Watt über die Zusammensetzung des Wassers gemachten Entdeckungen durch den D. Blagden nach Frankreich überbracht wurden. Diese veranlaßten Herrn Lavoisier in Gesellschaft mit de la Place, Meusnier und Monge zu den merkwürdigen Versuchen, welche im Art. Wasser (Th. IV. S. 648.) angeführt werden. Diese Versuche veranlaßten die Einführung der Idee vom Wasserstoff, verschaften eine Menge neuer Erklärungen, und halfen dadurch nebst den über die latente Wärme angestellten (s. Wärmemesser, Th. IV. S. 597.) die Lücken des Gebäudes ausfüllen, und die dazu gehörigen Rechnungen begründen. So sahe sich der Urheber desselben im Stande, es völlig aufzuführen, und im Jahre 1789 den Abriß davon zu geben, welchen Hr. Hermbstädt in unsere Sprache übergetragen hat (Traité elementaire de chimie, presentée dans un ordre nouveau et d'après les découvertes modernes, par M. Lavoisier, a Paris 1789. II. Vol. 8. Des Hrn. Lavoisier System der antiphlogistischen Chemie, a. d. Fr. v. D. S. F. Hermbstädt, Berlin und Stettin, 1792. II. Bände, gr. 8.). Einen Auszug davon mit Beurtheilungen haben wir von Hrn. Prof. Link erhalten (Lavoisiers phys. chemische Schriften, 5ter Band. Greifswalde, 1794. 8. S. 154—288.).

Ausführlicher ist es von Fourcroy in der neusten Ausgabe seiner Anfangsgründe dargestellt (Elemens d'histoire naturelle et de Chemie par M. Fourcroy. à Paris, 1791. Vol. I—V. 8. Die Uebersetzung von Philipp Loos mit Hrn. Wiegleb Anm. Erfurt, IV. B. gr. 8. ist nach der dritten Ausgabe von 1786). Unter den Deutschen haben es zuerst Herr Schurer in einer sehr wohl geschriebenen Dissertation (Synthesis Oxygenii experimentis confirmata. Edidit. Fr. Lud. Schurer. Argentor. 1789. 4.) und nachher mit lehrreicher Kürze und musterhaftem Vortrage Hr. Girtanner (Anfangsgründe der antiphlogistischen Chemie von Christoph Girtanner. Berlin, 1792. gr. 8.) bekannt gemacht.

Die damit verbundene Nomenclatur erschien schon 1787, zugleich mit einer neuen Bezeichnung (Methode de nomenclature chimique proposée par MM. de Morveau, Lavoisier, Berthollet et de Fourcroy; on y a joint un nouveau systeme des caracteres chimiques etc. par MM. Hassenfratz et Adet. à Paris, 1787.). Zu den Schriften, welche hierüber beym Worte Verbrennung (Th. IV. S. 443. in der Anm.) angeführt werden, sind noch folgende hinzuzusetzen. Der Uebertragung dieser Nomenclatur in unsere Sprache haben sich außer Hrn. Hermbstädt (in der Uebers. von Lavoisier Traité elem.), die Herren Girtanner (Neue chemische Nomenclatur für die deutsche Sprache, von Chr. Girtanner. Berlin, 1791. 8.) und Scherer (Versuch einer neuen Nomenclatur für deutsche Chymisten v. I. A. Scherer. Wien, 1792. 8.), freylich jeder auf eigne Art, unterzogen. Herr von Meidinger (Methode der chemischen Nomenclatur für das antiphlogistische System von Hrn. de Morveau etc. a. d. Frz. Wien, 1793. 8.) ist größtentheils Hrn. Girtanner gefolgt. Die Namen aus mehrern Sprachen findet man beysammen in einer kleinen Uebersicht (Versuch einer französisch - lateinisch - italiänisch - teutschen Nomenclatur der neuen Chemie. Leipz. 1792. kl. 8.) und alphabetisch in Hrn. Remmlers Handlexicon (Neues chemisches Wörterbuch oder Handlexicon der in neuern Zeiten entworfenen frz. lat. ital. deutschen chemischen Nomenklatur. Erfurt, 1793. 8.) auch tabellarisch auf einem Bogen (Remmlers tabellarischer Versuch einer frz. deutschen Nomenklatur der neuern Chemie. Leipz. 1793. gr. Fol.). Eine systematisch geordnete Vergleichung der ältern und neuern Namen hat Herr D. Eimbke gegeben (Versuch einer systematischen Nomenklatur für die phlogistische und antiphlogistische Chemie, v. Ge. Eimbke. Halle, 1793. 8.).

Das antiphlogistische System hat Gegner von Ansehen gefunden, unter denen Hr. de Luc einer der wichtigsten ist. Ein Brief von ihm an de la Metherie (in Rozier Journal de phys. 1791. To. XXXVIII. p. 378. übers. in Grens Journ. d. Phys. B. VII. S. 105.) und ein anderer an Fourcroy über die moderne Chymie (ibid. p. 400. und bey Gren ebend. S. 134.) enthalten bittere Kritiken über die Logik der Neologen, welche zum Beweise der Wassererzeugung sich auf Facta berufe, in die man das zu beweisende durch Erklärungen erst hineingelegt habe. Keine Täuschung sey gefährlicher, als wenn man Hypothesen in das Gewand einer simpeln Darstellung von Thatsachen einkleide, und die wahren Facta in Hypothesen umwandle. Man gebrauche die Nomenclatur als Instrument, um die neue Lehre auszubreiten, und über Worten und Formeln die Sachen selbst vergessen zu machen.

Der Fehler des Systems, sagt Hr. de Luc, sey, daß es bloße Gesetze als physische Ursachen vortrage. Folgende vier Sätze würden als Thatsachen angegeben. 1) Die Basis der Lebensluft sey das Princip aller Säuren. Dies sey doch nur durch Analogie aus Verbrennung des Schwefels und Phosphors geschlossen. 2) Das Wasser sey aus den Basen der Lebens-und brennbaren Luft zusammengesetzt. Das Factum sey aber nur, daß durch Verbrennung beyder Luftarten Wasser erhalten werde. 3) Die Basis der brennbaren Luft sey ein Ingrediens des Wassers, welches nur Folgerung aus vorigem Satze sey. 4) Die reine Kohle sey einfach, und eine säurefähige Basis. Dies sey doch davon hergeleitet, daß beym Verbrennen der Kohle in Lebensluft eine eigne Luftart erzeugt werde, die man hier Gas acide carbonique nenne. So sey das, was die Grundlage der ganzen Lehre ausmache, nicht auf die Thatsachen selbst, sondern erst auf Sätze gegründet, die man aus ihnen herzuleiten glaube. Alles drehe sich um die Zusammensetzung des Wassers, aus der man die Meteorologie erklären wolle, ohne die Natur in den obern Luftschichten studirt zu haben. Man nehme brennbare Luft in höhern Gegenden an, ohne sich um die Folgen zu bekümmern, die ihre Gegenwart daselbst haben müßte (der erste Blitz oder ein Feuer auf einem hohen Berge würde die Atmosphäre entzünden), man erkläre die Natur, ohne sie zu beobachten, fülle die Sprache mit Worten an, die sich auf Hypothesen bezögen, und bereite den Nachkommen eine Verwirrung, welche sogar abschrecken werde, die jetziger Zeit entdeckten Thatsachen zu studiren. Werde man sich ernstlich mit der Meteorologie beschäftigen, so werde die Hypothese von Zersetzung und Zusammensetzung des Wassers, und damit auch die von Oxygen und Hydrogen verlassen werden. Der Brief an Fourcroy enthält noch strengern Tadel, und behauptet, da es unmöglich sey, den Regen aus der Feuchtigkeit der Luft zu erklären, so müsse das Wasser von einer Zersetzung der atmosphärischen Luft herrühren, und mithin eine Basis derselben ausmachen.

Auch die Engländer, insbesondere D. Priestley, Kirwan, Black, setzten den Erklärungen der Antiphlogistiker wichtige Zweifel entgegen, welche vornehmlich die Natur des Schwefels, der Kohle, der Metallkalke und des Wassers betrafen. Kirwan vertheidigte die Präexistenz der Säure im Schwefel und der Kohle: man findet seine Einwürfe bey Girtanner (Kap. 17 und 20), in der Kürze zusammengestellt.

Von den deutschen Chemisten ward die neue Lehre mit Kälte, und selbst mit Geringschätzung, aufgenommen; zum Theil vielleicht, wie Hr. Lichtenberg vermuthet, wegen des Charakters der Nation, von der sie herkam, und wegen des kleinlichen Triumphs, den man sich über das alte System erlaubte. Madame Lavoisier, als Priesterin gekleidet, verbrannte Stahls Phlogiston in einer feyerlichen Versammlung. Wäre Newton fähig gewesen, so kindisch über die Cartesianischen Wirbel zu triumphiren, so wäre er schwerlich der Mann gewesen, der die Principia schreiben konnte. Hiezu kam die gewaltsame Umänderung der chemischen Sprache, eine Revolution, die nothwendig Unwillen erregen mußte, da sie großentheils auf bloße Hypothesen gegründet war.

Mehrere Chemiker vom ersten Range bestritten die antiphlogistische Theorie von verschiedenen Seiten, vornehmlich aber durch Läugnung einiger der vorzüglichsten Thatsachen, die ihr zum Grunde gelegt waren. Man fetzte denselben eigne Versuche entgegen, wovon die Resultate ganz anders auszufallen schienen. Herr Gren, der schon vorher in einer eignen Dissertation (De genesi aëris fixi & phlogisticati. Halae, 1786. 4.) von der Entstehung der Luftsäure und der Stickluft ganz andere Erklärungen gegeben, und dieselben mit Versuchen bestärkt hatte, trug eine zahlreiche Menge von Zweifeln und Gegengründen sowohl in seinem Handbuche der Chemie (Halle. III B. 1787—1789. gr. 8.), als auch in einer eignen scharfen Prüfung der Theorien von Feuer, Wärme, Brennstoff und Luft vor, die er zugleich mit einem kurzen Abriß der neuen Lehre begleitete (Gren Journal der Physik, B. II. S. 295 u. f.). Mit ihm vereinigten sich Herr Westrumb u. a. und die Physiker, weiche nicht gerade Chemiker von Profession sind, wurden schon durch das Ansehen solcher Männer zurückgehalten, die sich eben sowohl, als die französischen Chemisten, auf eigne Erfahrungen beriefen. Die Abneigung gieng so weit, daß die Herren Hermbstädt und Girtanner in den Vorreden der Schriften, wodurch sie diese Lehre auf deutschen Boden verpflanzten, eigne Entschuldigungen eines so gewagten Schrittes nöthig fanden.

Es gehört hieher nicht, die Zweifel gegen das neue System vollständig znsammenzustellen, und ich hebe daher nur einiges aus, was mich in dieser kurzen Geschichte der Sache zum Ende führet. Dieses betrift die Schicksale einer theoretischen Erklärung, und den Erfolg der Versuche über zwey der vornehmsten Thatsachen.

Die Leichtigkeit, womit das neue System die Gewichtszunahme verbrannter und verkalkter Substanzen durch das Hinzukommen eines neuen wägbaren Stoffs erklärt, sticht sehr lebhaft gegen die Schwierigkeiten ab, die die Stahlische Lehre vom Phlogiston über diesen Punkt zurückläßt. Herr Gren glaubte die letztere nicht nur zu retten, sondern ihr sogar einen vollkommenen Sieg zu verschaffen, wenn er dem Wärmestoffe und Phlogiston absolute Leichtigkeit, oder was eben soviel ist, eine negative Schwere beylegte. Die mathematischen Physiker bemerkten bald, daß dies keine gute Vertheidigung der Sache sey (Man s. im Wörterbuche den Art. Verkalkung, Th. IV. S. 462. und die übrigen dort angezogenen Stellen). Der würdige, die Wahrheit über alles werthschätzende, Chemiker nahm auch in der That, hauptsächlich durch Hrn. Hofrath Mayers Gründe bewogen, diese Erklärung wiederum zurück, aber nur — um sie mit einer andern, vielleicht noch schwierigern, zu vertauschen, die er in seinem sonst vortreflichen Grundrisse der Naturlehre (Halle, 1793. 8.) aufgestellt, und mit dem ganzen Plane seines Vortrags der Physik verwebt hat. Er legte nemlich nunmehr dem Wärmestoff und Phlogiston eine ursprüngliche Expansivkraft bey, welche das Vermögen habe, bey Verbindung dieser Stoffe mit andern Körpern, die Schwerkraft in den Bestandtheilen der letztern aufzuheben oder ruhend zu machen. Well aber doch nach dieser Erklärung die mit Phlogiston verbundenen Körper nicht langsamer fallen, ob sie gleich bey vermehrter Masse weniger wiegen, so nöthigt ihn dieses, für die Theile, deren Schwerkraft aufgehoben ist, andere Gesetze der Bewegung, als für die noch schwerbleibenden, anzunehmen. Er nennt daher jene träge, diese widerstehende Massen, und behauptet, träge Masse habe gar keinen Einfluß auf die Beschleunigung — ein Satz, der mit allem dem, was wir von Bewegung wissen, im Widerspruche steht, und in die Begriffe von Trägheit, Widerstand und beschleunigender Kraft eine alles verwirrende Dunkelheit bringt. Kein Kenner der höhern Mechanik wird dieser Erklärung Beyfall geben, und ihr verdienstvoller Urheber wird sich vielleicht noch selbst überzeugen, daß durch solche Vertheidigungen des Phlogistons die Lehre der Gegner, wenigstens in den Augen der mathematifchen Physiker, weit mehr gewinnen, als verlieren mußte.

Unter den Thatsachen, die man den Antiphlogistikern entgegensetzte, war eine der vornehmsten, daß der für sich bereitete Quecksilberkalk (mercurius præcipitatus per se), wenn er vorher von aller aus der Luft etwa angezognen Feuchtigkeit durch die Glühhitze befreyt worden sey, bey seiner Reduction keine dephlogistisirte Luft gebe. Priestley, Scheele, Bayen u. Lavoisier hatten behauptet, dergleichen Luft daraus erhalten zu haben, und der letztere sahe dieses als eine Hauptstütze seines Systems, und als einen Hauptgrund gegen das Phlogiston an. Denn da diese Reduction ohne allen Zusatz von brennlichen Dingen geschieht, so ward es, wenn sich Lebensluft dabey entwickelte, sehr wahrscheinlich, daß Reduction überhaupt nicht Verbindung mit Phlogiston, sondern Absonderung der Basis der Lebensluft (des Oxygens) sey, und umgekehrt die Verkalkung nicht in Entziehung des Brennstoffs, sondern in Verbindung mit Sauerstoff bestehe. Hiebey kam es nun ganz auf das Factum an, ob man Lebensluft erhalte, oder nicht. Hr. Gren (Journal der Phys. B. I. S. 480) versicherte, nur der auf nassem Wege mit Salpetersäure bereitete rothe Quecksilberkalk, oder der an der Luft feucht gewordene, gebe Lebensluft, nie aber der im Feuer in offnen Gefäßen erst bis zum Glühen erhitzte, welcher Behauptung auch Hr. Westrumb (ebendas. B. V. S. 46) beytrat, und wiederholt versicherte, daß er nicht ein Bläschen Luft aus dem letzern erhalten könne (eb. B. VI. S. 33), selbst bey einem am 7. Jun. 1792 mit 500 Gran angestellten Versuche (eb. S. 212). Auch Herr Tromsdorf in Erfurt (eb. S. 214) behauptete aus eignen Versuchen, daß frischbereitete Metallkalke weder Luft noch Wasser gäben, solches aber beym Erkalten stark anzögen. Dagegen wurden am 16. Sept. 1792 zu Berlin von Hrn. Peschier aus Genf unter den Augen der Herren Hermbstädt, Karsten und Klaproth Versuche mit einem vom letztern theils aus London erhaltenen, theils selbst bereiteten Quecksilberkalke angestellt, wobey man aus einer halben Unze 44 Cubikzoll sehr reines Sauerstoffgas erhielt (s. Intelligenzblatt d. A. L. Z. 1792. Num. 124 und Gren Journal der Phys. B. VI. S. 420.).

Der Streit ward nun lebhaft, und es standen Versuche gegen Versuche. Herr Gren behandelte den schwarzen Quecksilberkalk (Aethiops mercurii per se) mit gleichem Erfolge, ohne Luft zu erhalten (Journ. d. Phys. B. VI. S. 444). Auch Hr. Westrumb und Tromsdorf wiederholten ihre Versuche, der letztere in Gegenwart der Herren Hecker und Meier (eb. B. VII. S. 37). Mit welcher unpartheyischen Wahrheitsliebe diese Untersuchung betrieben worden, zeigt unter andern das freye Geständniß von Westrumb (eb. S. 148), daß er wirklich reine Luft erhalten habe, wiewohl er (S. 149) gleich nachher entdeckte, es sey Wasser in der Retorte gewesen. Endlich wurde im Jahre 1793 der Streit durch die berliner, im Intelligenzblatte der Allg. Litteraturzeitung bekannt gemachten, Versuche entschieden, welche mit dem von Hrn. Westrumb selbst dazu überschickten Quecksilberkalke unter Hrn. Hermbstädts Veranstaltung vor dreyzehn Augenzeugen angestellt waren, und es zum Vortheil des antiphlogistischen Systems ausser allen Zweifel setzten, daß durch die Reduction des für sich bereiteten Quecksilberkalks wirklich Lebensluft erhalten werde.

Ein anderes Factum, das man den Antiphlogistikern abläugnete, war die gänzliche Verschwindung der Lebensluft beym Verbrennen des Phosphorus. Nach dem alten System kann diese nicht statt finden, weil das entweichende Phlogiston des verbrennenden Körpers sich mit einem Theile der Luft verbinden, damit Stickluft bilden, und in dieser Form unter der Glocke zurückbleiben muß. Die französischen Chemisten hingegen behaupteten es als Thatsache, daß die reine Luft ganz verschwinde, wenn Phosphor genug verbrannt sey, und bewiesen daraus, daß die Stickluft, wenn dergleichen zurückbleibe, schon vorher mit der reinen vermischt gewesen sey, und nicht erst beym Versuche durch ein vermeintes Phlogiston könne gebildet werden. Nachdem man die Richtigkeit des Factums lange geläugnet hatte, gelang es endlich Herrn Göttling in Jena, diesen schönen Versuch zu Stande zu bringen, der wenigstens in diesem Punkte sür die neue Chemie unwidersprechlich entscheidet, die Präeristenz des Stickgas ausser Zweifel setzt, und die Idee von Phlogistisirung der Luft durchs Verbrennen gänzlich vernichtet. Die Herren Tromsdorf und Gren wiederholten den Versuch, und da auch noch andere von Hrn. von Mons in Brüssel angestellte hinzukamen, wodurch mehrere Stützen des bisherigen phlogistischen Systems erschüttert wurden, so trat endlich auch Hr. Gren selbst zurück, und bekannte (Journal der Physik, B. VIII. S. 14), daß er nunmehr von der Wahrheit mehrerer antiphlogistischer Lehrsätze aufs evidenteste überzeugt sey, und das bisherige System verlasse, ob er gleich noch immer einen sogenannten Brennstoff annimmt, um mittelst desselben, nach dem Beyspiele der Herren Leonhardi und Richter, die Lücken der neuen Theorie auszufüllen.

Herr Hofrath Lichtenberg nennt in der lesenswürdigen Vorrede, womit er die sechste Auflage von Erxlebens Naturlehre (Göttingen, 1794.) begleitet hat, diesen Sieg der neuen Theorie über den anhaltenden Widerstand der deutschen Chemiker, ehrenvoll für beyde Theile; für die Antiphlogistiker, weil sie den Beyfall erzwingen konnten, für die Deutschen, weil es der Charakter des gesetzten Mannes erfordert, mit seinem Beysalle nicht leichtsinnig umzugehen. Er gesteht übrigens mit Vergnügen, daß diese Revolution in der Chemie in ihrer Art ein Meisterstück sey, und hoffentlich werden mit diesem Urtheile die meisten Physiker einverstanden seyn.

Inzwischen ist dieser Beyfall nichts weniger, als unbedingt, und die Lobsprüche, die man dem neuen System ertheilt, haben nicht die Meinung, dasselbe für ausgemachte Wahrheit auszugeben. Vorsichtige Naturforscher werden es immer nur als Vorstellungsart, und selbst dieses bloß für einzelne Theile der Wissenschaft, empfehlen. So verfährt auch Herr Lichtenberg, der überall, wo es den Zusammenhang der Naturbegebenheiten im Großen betrift, die Vorstellungen des Hrn. de Luc weit angemessener, als die Erklärungen der Antiphlogistiker, findet. Ich werde einige Bedenklichkeiten, die diesem scharfsinnigen Physiker gegen die Noneristenz des Brennstoffs übrig bleiben, im Zusatze zu dem Artikel Phlogiston anführen, und hier nur noch einige seiner allgemeinen Bemerkungen aus der oben gedachten Vorrede mittheilen.

Die französische Chemie, sagt er, ist ein Meisterstück als isolirte Sammlung von Kenntnissen, nicht aber als Theil der gesammten Naturlehre im Allgemeinen. Der allgemeine Naturforscher, der die isolirten Beschäftigungen einzelner Classen vergleicht und zusammennimmt, der nach Bacons Ausdruck die Erklärungen nicht in minor bus mundis, sondern in maiore sive communi, sucht, möchte doch bey der Vereinigung des neuen Systems mit den Erfahrungen, die über andere. Classen von Gegenständen vorhanden sind, noch mancherley Schwierigkeiten finden.

Die Natur z. B. bringt unläugbar Elektricität im Großen hervor. Wir können sie nur im Kleinen untersuchen, wissen also wenig von ihr: aber es ist doch höchst wahrscheinlich, daß sie in die Zusammensetzungen der Stoffe komme, und chemische Verbindungen eingehe. Vielleicht gehört ihr manches, was man dem Feuer, Phlogiston oder Lichte zuschreibt. Man zersetzt Luftarten durch Elektricität, und bringt andere Wirkungen durch sie hervor, die bey jedem andern Stoffe auf die Vermuthung chemischer Verbindungen führen würden; nur den elektrischen Funken lassen die Antiphlogistiker blos als mechanisches Mittel wirken. So hat man den berühmten Amsterdamischen Versuch von der Zersetzung des Wassers durch Elektricität als völlig entscheidend für die neue Chemie angesehen, ohne das erzeugte elastische Fluidum gehörig zu untersuchen, und ohne zu fragen, ob sich nicht etwa die Elektricität zersetzt, und ein Theil mit dem Wasserdampfe inflammable, der andere dephlogistisirte Luft gebildet habe. Daß sich rückwärts beym Verbrennen beyder Lustarten keine Elektricität zeigt, beweiset nichts; es kann für unsere Instrumente zu wenig seyn, und sich nur im Großen, wie beym Blitze, zeigen, der vielleicht durch plötzliche Verwandlung einiger Luftarten in Wasserdunst entsteht. Dies ist freylich nur Hypothese, aber ist es denn von Seiten der neuen Chemie ein Factum, daß die Elektricität bey diesem Processe nichts thut? Man wird sagen, das Wasser sey ja auch auf andere Art zersetzt werden, ohne Elektricität. Aber, wo Kohlen und Gefäße sind, da ist auch elektrische Materie. Es sollten also vors erste die chemischen Verhältnisse dieser Materie näher untersucht werden, da man sich mit der bloßen Versicherung, daß dieselbe bey den chemischen Operationen so ganz leer ausgehe, unmöglich länger befriedigen kann.

Wenn ferner die Antiphlogistiker gegen de Lucs Erklärung des Regens und gegen die Verwandlung des Wassers in Luft einwenden, man dürfe aus dem Hygrometer nicht schließen, weil die Luft noch sehr viel Wasser enthalten könne, das vom Hygrometer nicht angezeigt werde, so ist dieses einmal mit nichts erwiesen, und dann auch ein bloßer Wortstreit. De Luc läugnet ja auch nicht, daß das Wasser noch da sey; nur in welcher Form, ob als Dampf, oder als Luft, das ist die Frage, welche eben ausgemacht werden soll. Wäre es als Dampf da, so müßte es wenigstens bey nie- drigen Temperaturen aufs Hygrometer wirken, und daß es dieses nicht thut, das erst ist das Factum, auf welches de Luc seine Schlüsse gründet. Das Wasser soll nicht die Form der atmosphärischen Luft annehmen können. Womit hat man dieses erwiesen? Warum wird der Wasserdampfdurch ein glühendes irdenes Rohr gelassen größtentheils zu Stickluft? Und wenn diese Stickluft, wie einige behaupten, luftförmiges Wasser ist, was wird aus der Basis der Salpetersäure, dem Azote? Kann das Wasser ein Bestandtheil der brennbaren und dephlogistisirten Luft werden, so kann das, was man beym Verbrennen dieser Luftarten erhält, wenn sie gleich noch so trocken sind, eben sowohl für ausgeschiedenes, als für erst erzeugtes Wasser gehalten werden. Welche ungeheure Menge brennbarer Luft müßte man im Luftkreise annehmen und mit dephlogistisirter abbrennen lassen, um die Quantität des Regens zu erklären? Und wenn man einwendet, die Meteorologie sey noch viel zu unvollkommen, um Schlüsse gegen die neuere Chemie daraus zu ziehen; soll man denn darum die Beobachtungen der Meteorologen verschweigen, weil die Antiphlogistiker sie nicht erklären können? Man gestehe doch lieber offenherzig, daß unsere ganze Naturlehre aus Bruchstücken besteht, die der menschliche Verstand noch nicht zu einem einförmigen Ganzen zu vereinigen weiß.

Was die Nomenclatur betrift, so findet Herr Lichtenberg die Art, gewisse Verhältnisse durch die Endung auszudrücken, wie Sulfate, Sulfite, Sulfure, worinn nichts hypothetisches ist, sehr nachahmungswürdig. Man hätte dies noch mehr anwenden, und lieber Plombide, Mercuride sagen sollen, als Oxide de plomb, de Mercure, welches letztere schon die Hypothese der Säurung mit ausdrückt. Die Worte sollen aber blos Zeichen, nicht Definitionen, seyn. Die letztern ändern sich mit den Meinnngen, und alsdann verlieren solche definirende Namen ihre erklärende Kraft; kein Mensch denkt mehr an das, was die Erfinder darinn suchten. Daher braucht man aber auch nicht so ängstlich mit Abschaffung gangbarer Worte zu seyn, wenn sie gleich den Gegenstand unrichtig bezeichnen. Metallkalke konnten immer beybehalten werden, gewiß dachte dabey niemand mehr an Kalkerde. Das aber ist höchst tadelnswürdig, daß man wieder neue Hypothesen in diese Sprache gemischt hat, wie Oxygène. Die Hypothese gehört in den Vortrag, der dem Verfasser eigen bleibt, aber nicht in die Sprache, die der ganzen Nation bestimmt ist. Eine Hypothese ist ein unmaßgebliches Gutachten, wer sie aber der Sprache aufzwingt, der publicirt Mandate. Inzwischen haben es die Franzosen durchgesetzt, und es ist nur Schade, daß man diesen Zeitpunkt nicht benützt hat, um erst eine durchaus philosophische Theorie der Nomenclaturen überhaupt festzusetzen, und darnach die neue einzurichten. Daß übrigens schlechtgewählte Namen so sehr eben nicht schaden, beweißt die Astronomie, die ihrer höchst abgeschmackten Nomenclatur ohngeachtet eine der vollkommensten, sichersten und bestimmtesten Wissenschaften geworden ist.

Das antiphlogistische System mag also mit allen den Lücken, die es noch offen läßt und allen Fehlern seiner Nomenclatur immer seine Stelle unter den Vorstellungsarten behaupten, die man zu einer schicklichen Zusammenordnung und Verbindung der Erfahrungen als die vorzüglichsten empsiehlt. Untersuchung der Natur wird dadurch allemal befördert, und das ist denn doch das Größte, was der aufrichtige Verehrer dieses erhabnen Studiums wünschen kann. Systeme, deren Wahrscheinlichkeit, wie die des kopernikanischen, an mathematische Gewißheit gränzt, lassen sich hier, wo es auf die ersten Anfänge der Körper ankömmt, nicht erwarten; unsere Erklärungen der Natur sind und bleiben nur Schemata, nach denen wir uns die Dinge vorstellen (Videmus enim, omnes rationes, quibus natura explicari solet, modos esse tantummodo imaginandi, nec ullius reinaturam, sed tantum imaginationis constitutionem indicare. Spinoza, Opp. omn. 1677. p. 39.).

Girtanner Anfangsgründe der antiphlogist. Chemie. Berlin, 1792. gr. 8.

Gren Journ. der Physik, an mehrern angeführten Stellen.

Lichtenberg Vorrede zu Erxlebens Anfangsgr. der Naturlehre. Sechste Auflage. Göttingen, 1794. 8.