Gehler, J. S. T.
Physicalisches Wörterbuch


Anamorphose
Anamorphose, Anamorphosis, Anamorphose.

Verzeichnung einer Figur, welche, auf eine vorgeschriebene Art betrachtet, etwas ganz anders darstellet, als sie dem bloßen Auge in der gewöhnlichen Stellung darzustellen scheint.

Man kan die Anamorphosen in optische, katoptrische und dioptrische abtheilen.

Die optischen Anamorphosen werden, um das verlangte Bild darzustellen, mit dem bloßen Auge, nur aus einem angewiesenen sonst ungewöhnlichen Gesichtspunkte, betrachtet. Kan man z. B. (Taf. I. Fig. 14.) das in O gestellte Auge so täuschen, daß es von den wahren Entfernungen der Punkte A, B, C, D, E, keine Eindrücke erhält, und daß daher die liegende Linie ABCDE eben so, wie eine stehende Abcde, von dem Zuschauer empfunden wird, so darf man nur die gleichen Theile eines regelmäßig gezeichneten Bildes Ab, bc, cd, de durch eine proportionirte Zeichnung in die ungleichen Theile AB, BC, CD, DE ausdehnen. Wird nun die solchergestalt verzerrte Figur AE auf ein Bret gelegt, auf welchem ein anderes Bret PQ senkrecht steht, und vom Auge durch die Oefnung O betrachtet, so verliert der Zuschauer die Gegenstände aus dem Auge, die ihm einen Maaßstab der Entfernungen OE, OD, OC rc. geben könnten. Es wirkt das verzerrte Bild AE jezt nicht anders auf sein Auge, als das regelmäßige in Ae aufgestellt, darauf wirken würde. Seine Einbildungskraft selbst wird geschäftig, sich eher ein regelmäßiges, als ein verzerrtes Bild darzustellen; er glaubt also eine in Ae aufgestellte richtige Zeichnung zu sehen. So hat man verzerrte Figuren, in welchen z. B. Kopf und Schultern durch ED ausgedehnt und ungeheuer groß, die übrigen Theile des Körpers von D bis A sehr klein sind, die sich aber, aus O betrachtet, ganz richtig darstellen. Nach Brisson (Dictionnaire raisonné de physique, art. Anamorphose) sind an der Wand einer Gallerie im Minimenkloster an der Place royale in Paris verschiedene Bilder gemahlt, welche, aus einem gewissen Gesichtspunkte von der Seite her betrachtet, sehr deutlich eine reuige Magdalene darstellen.

Hieher gehören auch die Bilder, welche in Streifen zerschnitten, und streifenweis auf die Seitenflächen mehrerer neben einander stehenden dreyseitigen Prismen aufgeklebt werden, da man denn ein anderes Bild sieht, je nachdem man diese Prismen von der rechten oder linken Seite her betrachtet. Von diesen Bildern, die man oft in Kunstcabinetten antrift, handlen Schwenter (Mathematische Erquickstunden, Nürnb. 1651. 4. Th. I. S. 271.) und Wolf (Elementa Optices. Probl. 28.).

Die katoptrischen Anamorphosen müssen, wenn das gehörige Bild erscheinen soll, in conischen, cylindrischen oder pyramidenförmigen Spiegeln betrachtet werden. Man sieht leicht aus Taf. I. Fig. 15, daß der conische Spiegel PQR dem in O gestellten Auge den Punkt A in a, B in b darstellt, und also dem Bilde auf der umliegenden Fläche, wovon AB ein Theil ist, ganz andere Lagen und Verhältnisse seiner Theile, d. h. eine ganz andere Gestalt giebt. Auf eine ähnliche Art verändern auch cylindrische und pyramidenförmige Spiegel die Gestalten der um sie her liegenden Bilder. Es kömmt also darauf an, ein verzerrtes Bild zu verzeichnen, das in einem Spiegel von gegebner Art, Größe und Stellung dem Auge aus einem gegebnen Gesichtspunkte regelmäßig erscheine. Von der Verzeichnung solcher Bilder hat Simon Stevin zuerst geschrieben. Auch handlen davon Casp. Schott (Magia universalis Herbip. 1657. 4.) unter dem Titel: Magia anamorphotica) und Wolf (Elem. Catoptr. Probl. 25—27). Jakob Leupold, ein ehemaliger Leipziger Mechaniker (Anamorphosis mechanica nova. Lips. 1714. 4.) erfand ein eignes Instrument, durch dessen Hülfe man jedes vorgezeichnete Bild, auf eine blos mechanische Weise, durch eine Art von Storchschnabel so verstellen kan, daß es in einem gegebnen conischen oder cylindrischen Spiegel ordentlich erscheint. Die Beschreibung dieses Instruments findet sich auch im Saverien (Dictionnaire universel de Mathematique et de Physique, art. Anamorphose.)

Die dioptrischen Anamorphosen werden durch ein Polyeder, oder vieleckigt geschliffenes Glas betrachtet, s. Polyeder. Wer eine Tafel durch ein solches Glas betrachtet, sieht durch die Flächen des Glases nur gewisse Theile der Tafel, welche an einander zu stehen scheinen, ob sie gleich auf der Tafel selbst weit aus einander und an verschiedenen Orten liegen. Man sucht also hier verschiedene Theile eines gewissen Gemäldes an diejenigen Stellen der Tafel zu bringen, welche dem durch das Polyeder sehenden Auge neben einander liegend erscheinen. Auf der Tafel selbst wird ein anderes Gemälde entworfen, in welches die zerstreuten Stücken des vorigen, so geschickt als möglich, mit verwebt werden müssen. So hat man dergleichen Anamorphosen, auf welchen verschiedene Köpfe vorgestellt sind, die durch ein Polyeder in bestimmter Stellung betrachtet einen einzigen Kopf zeigen, den man mit bloßem Auge gar nicht auf dem Gemälde findet. Anweisung hiezu geben Wolf (Elem. Dioptr. Probl. 25.) und Leutmann (Anm. vom Glasschleifen, Wittenb. 1719. 8.)