Gehler, J. S. T.
Physicalisches Wörterbuch


Ammoniak
Ammoniak, Ammoniacum s. Ammoniaca, Ammoniaque.

Mit diesen Namen bezeichnet die Nomenclatur des antiphlogistischen Systems das flüchtige Laugensalz, s. Laugensalze (Th. II. S. 863. u. f.).

Nach den Entdeckungen des Herrn Berthollet (Zerlegung des flüchtigen Laugensalzes, aus den Mem. de l'acad. des sc. 1785. p. 316. sqq. übers. in C<*>em. Ann. 1791. B. II. S. 169 u. f.) ist das Ammoniak aus den Grundstoffen des Stickgas und der brennbaren Luft, oder nach der neuern Sprache aus Stickstoff (Azote) und Wasserstoff (Hydrogen), und zwar im Verhältnisse 6 : 1, zusammengesetzt, wiewohl neuere Untersuchungen das Verhältniß 4 : 1 angeben, oder noch bestimmter zu 100 Theilen Ammoniak 80,66 Theile Azote und 19,34 Theile Hydrogen erfordern.

Man erweiset im antiphlogistischen System diese Zusammensetzung des Ammoniaks durch eine Menge analytischer und synthetischer Versuche, wovon hier einige anzuführen sind.

Man fülle eine ganz kleine Retorte mit Quecksilber, und lasse alsdann Ammoniakgas (urinöse Luft) hineingehen, so daß die Retorte damit ganz angefüllt wird, und das Quecksilber in den Hals derselben zurücktritt, welchen man mit dem Quecksilberapparat verbindet. Man bringe nun unter dem Quecksilber etwas weißen Bleykalk in die Retorte, so daß derselbe an den Boden der Retorte in das Gas fällt und das Quecksilber nicht berührt. Hält man alsdann die Flamme eines Wachslichts unter die Stelle, wo der Bleykalk liegt, so wird derselbe in ein Bleykorn verwandelt (reducirt), es entstehen einige Tropfen Wasser, und statt des Ammoniakgas bleibt Stickgas zurück, welches einen größern Umfang hat, und daher das Quecksilber aus dem Halse der Retorte heraustreibt. Der Sauerstoff, sagen die Antiphlogistiker, verläßt den Bleykalk, und verbindet sich mit einem Theile des Ammoniaks zu Wasser; der andere Bestandtheil, der Stickstoff, bleibt in Gasgestalt zurück, und wird stärker ausgedehnt, so wie ein einfacher Stoff immer von der Wärme in einen größern Umfang gebracht wird, als ein zusammengesetzter. Folglich besteht das Ammoniak aus Stickstoff und Wasserstoff.

Ammoniak mit Braunstein digerirt, giebt Wasser und Stickgas, wie schon Scheele bemerkt hat. Man löse Kupferkalk in Ammoniak auf, trockne das erhaltene Ammoniak- Kupfer sorgfältig, und erhitze es in einer gläsernen Röhre, welche mit dem pnevmatischen Apparat verbunden ist. Es entstehen Wassertropfen, man erhält Stickgas, und das Kupfer wird hergestellt, wie Berthollet gezeigt hat.

Man verbinde eine mit Ammoniak gefüllte Retorte mit einem Flintenlaufe, der mit gepülvertem Braunstein angefüllt ist, und diesen mit dem pnevmatischen Apparat. Man mache den Flintenlauf glühend, und erwärme nachher die Retorte, die das Ammoniak enthält, mit einem brennenden Wachslichte. Das Ammoniakgas geht durch den glühenden Braunstein, und unter dem Apparat erhält man nitröses Gas. Es ist nemlich das Ammoniak zerlegt worden, und sein Stickstoff hat mit dem Sauerstoff des Braunsteins Salpetersäure gebildet.

Nimmt man zu diesem Versuche statt des Flintenlaufs eine porcellanene Röhre, so erhält man salpetergesäuertes Ammoniak in Gasgestalt, Wasser und Stickgas — ein Versuch, von dem Herr Girtanner rühmt, daß er zu gleicher Zeit die Bestandtheile des Wassers, die der Salpetersäure und die des Ammoniaks erweise.

Ohne mir eine Behauptung anzumaßen, muß ich doch bemerken, daß der Beweis nicht in dem Versuche, sondern in der davon gegebnen Erklärung liegt, und daß bey dieser die Wassererzeugung aus Oxygen und Hydrogen schon vorausgesetzt wird, daher es ein offenbarer Cirkel im Schließen ist, wenn man die Bestandtheile des Wassers wieder daraus folgert. Ueberhaupt beruhen die angeführten Beweise durch Zerlegung des Ammoniaks sämmtlich auf Erklärungen, deren Richtigkeit man voraussetzt.

Mehr direct beweisen die Zerlegungen durch den elektrischen Funken, wenn man nemlich annimmt, daß die Elektricität blos mechanisch, nicht chemisch, wirke. Berthollet fand, daß der elektrische Funken, den er wiederholt durch Ammoniakgas im Quecksilber- apparate gehen ließ, das Gas in Stickgas verwandelte, und seinen Umfang beträchtlich vergrößerte. Wenn also die Basis des Stickgas ein eigner präexistirender Stoff ist, wie dieses andere Versuche sehr wahrscheinlich machen, so muß dieser Stoff im Ammoniakgas vorhanden gewefen seyn. Wo blieb aber hiebey der andere Bestandtheil des Ammoniaks, das Hydrogen? Warum bildete es nicht brennbare Luft? Die Antiphlogistiker sind hierüber gar nicht verlegen. Auf dem Quecksilber, sagen sie, schwimmt stets ein feines Häutchen von Quecksilberkalk, welches sich an der Luft gesäuert hat. Diesem hat das Hydrogen seinen Sauerstoff entzogen, und sich damit zu einem Tröpfchen Wasser verbunden; das Häutchen aber hat dadurch seine metallische Gestalt wieder erhalten.

Bey andern Versuchen, wobey das Ammoniakgas in enge Glasröhren eingeschlossen war, hat man es wirklich durch die Elektricität in Stickgas und brennbare Luft zerlegt gefunden, und eben hierauf die Bestimmungen des Verhältnisses seiner beyden Bestandtheile gegründet. Herr van Marum (Description d'une grande machine electrique etc. Haarlem, 1785. 4maj. p. 128.) fand die alkalische Luft, nach dem man sie lange genug mit dem elektrischen Funken behandelt hatte, wirklich in ein brennbares Gemisch verändert, das sich mit einem starken Knalle entzündete. Eben dieses bestätigten auch die fernern Versuche (Premiere continuation des experiences faites etc. par M. van Marum. 1787. 4maj.). Die alkalische Luft vermehrte sich durch starke Funken eben nicht beträchtlicher, als bey Berthollets Versuchen durch schwache. Sie wurde nach dem Elektrisiren nicht vom Wasser verschluckt, und zeigte sich zum Theil brennbar. Als der Funken durch Salmiakgeist gieng, so erzeugte sich in wenig Minuten eine große Menge Luft, die brennbar war, und nicht merklich verschluckt wurde.

Noch andere Versuche zeigen die Bestandtheile des Ammoniaks durch Zusammensetzung. Man setze eine mit Wasser verdünnte Auflösung des Kupfers in Salpetersäure in einer Retorte dem Feuer aus, und verbinde den Hals der Retorte mit einem Flintenlaufe, der mit kleinen Stücken Eisen angefüllt ist und glühend erhalten wird, so erhält man im pnevmatischen Apparat, womit das andere Ende des Flintenlaufs verbunden ist, Ammoniakgas. Salpetersäure und Wasser sind zerlegt worden, und das Azote der erstern hat sich mit dem Hydrogen des letztern zu Ammoniak verbunden. Wenn man Zinnfeile mit schwacher Salpetersäure anfeuchtet, und nach ein paar Minuten Gewächslaugensalz oder reine Kalkerde damit mischt, so wird man sogleich den Geruch des Ammoniaks bemerken. Eben so, wenn man Salpetersäure mit Eisenfeile, Schwefel und ein wenig Wasser in einem Gefäße vermischt, dasselbe verschließt, und nach einigen Stunden wieder öfnet. Bringt man angefeuchtete Eisenfeile in nitröses Gas, so wird das Wasser sowohl, als das Gas, sehr schnell zerlegt, und man erhält Ammoniak in wenig Stunden. Das nitröse Gas verliert seinen Stickstoff und ist nun mit Sauerstoff so überladen, daß ein Licht in demselben mit heller Flamme brennt.

Auch schon in der atmosphärischen Luft entsteht Ammoniak, wenn man ihr angefeuchtete Eisenfeile aussetzt, indem sich der Stickstoff der Luft mit dem Hydrogen des Wassers verbindet; nur erfordert dieses eine längere Zeit. Die Antiphlogistiker erklären hieraus die häufige Entstehung des Ammoniaks in der Erde, vorzüglich in Kohlenminen und bey Vulkanen, indem es sich allezeit erzeuget, so oft Eisen, Wasser und Schwefel in Berührung mit atmosphärischer Luft gemischt werden.

Schon ältere Chemiker hatten Beziehungen zwischen der Salpetersäure und dem flüchtigen Laugensalze wahrgenommen. So sagt Rüdiger (Systematische Anleitung zur Chemie. Leipz. 1756. 8. S. 72 u. f.), daß der beym Verpuffen des Salpeters mit Kohlen gesammlete Dampf ein urinöses Laugensalz sey. Auch Wallerius (Physische Chemie. Th. II. §. 13.) redet von einer laugensalzigschmeckenden und mit den Säuren brausenden Feuchtigkeit, die beym Verpuffen des Salpeters mit Kohlen erhalten werde. Noch mehr davon findet man bey Hrn. Wiegleb (Chem. Vers. über die alkalischen Salze. Berlin, 1781. 8. S. 239.)

Die Gelegenheit zu diesen Entdeckungen gab die Untersuchung des salpetersauren Ammoniaks (Salpetersalmiaks, flammenden Salpeters), welches in der Hitze noch vor dem Glühen von selbst, und ohne Berührung mit verbrennlichen Körpern verpufft. Als Hr. Berthollet diese Verpuffung in einem verschloßnen und mit dem pnevmatischen Apparat verbundenen Gefäße veranstaltete, fand er in der Vorlage mehr Wasser, als in dem verpufften Körper hatte enthalten seyu können, das aber in Vergleichung des zersetzten Salzes nur sehr wenig Salpetersäure enthielt; das übrige in der Vorlage war Stickgas. Mithin war das Ammoniak ganz, und die Salpetersäure größtentheils zersetzt, und in Wasser und Stickgas verwandelt — in Körper, deren Bestandtheile nach dem neuern System blos Oxygen, Hydrogen und Azote sind.

Die Versuche zusammengenommen geben doch der Behauptung, daß das flüchtige Laugensalz aus den Grundstoffen der Salpetersäure und der brennbaren Luft zusammengesetzt sey, eine große Wahrscheinlichkeit. Selbst Herr Gren, der noch vor kurzem (Grundriß der Naturl. 1793. §. 370.) das flüchtige Laugensalz für eine Zusammensetzung aus Brennstoff und einer unbekannten Säure annahm, ist jetzt auch hierinn den Antiphlogistikern beygetreten, und bringt nur noch zu den von ihnen angenommenen Bestandtheilen seinen Brennstoff, oder die Basis des Lichts, hinzu.

Eine sehr auffallende Bestätigung hat diese Theorie durch Milner's Erfahrungen erhalten (Philos. Transact. Vol. LXXIX. for 1789. P. II. p. 300. übers. in Grens Journ. d. Phys. B. III. S. 83 u. f.), nach welchen das flüßige Ammoniak (Salmiakspiritus) beym Durchgange durch glühenden Braunstein in einem Flintenlaufe sich in nitröses Gas verwandelt. Milner stellte den Versuch zuerst im März 1788 an, und meldet, daß er ihn seitdem öfter, immer mit gleichem Erfolg, wiederholt habe. Herr Gren erklärt ihn so, daß die metallische Grundlage des Braunsteins dem Ammoniak einen Theil seines Brennstoffs entziehe, und dagegen die Basis der Lebensluft häufig entlasse, die denn zum Theil mit dem Hydrogen des Ammoniaks zum Wasser zusammentrete, theils mit der salpetersauren Grundlage und dem übrigen Brennstoff des Ammoniaks das Salpetergas bilde.

Girtanner Anfangsgr. der antiphlogistischen Chemie. Berlin, 1792. Kap. 32.

Gren systemat. Handb. der gesammten Chemie. I. Band. Halle, 1794. §. 741. 742.