Gehler, J. S. T.
Physicalisches Wörterbuch


Aerostat.
Aerostat.

Zus. zu Th. I. S. 54—81.

Die Aerostaten waren, wie mehrere Erfindungen, aus einem Geschäfte der Natursorscher zu einem Gelderwerb der Gaukler herabgesunken, und die Luftschifferey stand fast in gleichem Range mit dem Seiltanzen. Erst kürzlich hat die Nation, der diese Erfindung zugehört, einen ernsthaftern Gebrauch von derselben zu machen, und den Luftball als ein Werkzeug ihres verderblichen Krieges zu benützen angefangen. Noch ist wenig umständliches hievon bekannt; inzwischen werden einige Stellen aus Fourcroy's Berichte (vom 3. Jan. 1795) über die Künste, die der Republik zur Vertheidigung dienten, hier nicht am unrechten Orte stehen.

”Jedem denkenden Menschen,“ sagt Fourcroy, ”muß ”der große Vortheil einleuchten, die Lager einer feindlichen ”Armee, ihre Stärke, ihre Bestandtheile, ihre Stellung, ”selbst ihre Bewegungen mit allen Veränderungen in den ”entscheidenden Augenblicken des Kampfs, bey Gefechten, ”Treffen und Schlachten, bey Postirungen, Belagerungen ”und Märschen, bestimmt übersehen zu können. Was sind ”die Nachrichten der Spione, die Aussagen der Ueberläu”fer, die Streifritte der Husaren, und die Recognoscirun”gen der vortreflichsten Feldherrn zusammengenommen ge”gen solche Beobachtungen von oben herab, die gemacht ”von geschickten Officieren, und mit der nöthigen Kühnheit ”in Betreff der Nähe, keine Zweifel übrig lassen? — Der ”am Tage des Treffens bey Fleurus emporgestiegene Luftball ”hat 29 Fuß in der Länge, 19 in der Höhe, und 57 im Um”fang; seine Form ist elliptisch. Von der Gondel geht eine ”Schnur auf die Erde, woran der Beobachter die Papiere, ”an die ein Stück Bley gebunden ist, mit seinen Nachrich”ten herabläßt. Bey widrigem Winde wird er von 30—40 ”Pferden gezogen und gehalten. Jener Ball hatte auf den ”Höhen von Namur einen heftigen Sturm ausgestanden, ”und war daher nach Brüssel gebracht worden, wo er den ”10. Sept. (1794) ankam. — Die, welche am 13. Jun. ”zu Maubeuge den Luftball gesehen hatten, wie er einer ge”gen ihn gerichteten Batterie von 17 Kanonen Troz bot, und ”am 23. Jun. über die Redouten von Charleroi hinweg nach ”Gosseliers, Fleurus, Limbusart gieng; sie, die Generale, ”Stabsofficiere und selbst den General en Chef, um von ”der Richtigkeit der Beobachtungen zu urtheilen, damit ”hatten aufsteigen sehen — sie sagten bey seiner Abfahrt: ”das ist eine Verstärkung von 50000 Mann für die Armee. ”— Mehrere Gelehrte haben zehn Monden ihrer Nacht”wachen aufgewandt, um die Kunst der Aerostation zu ver”vollkommnen und zu erleichtern. Sie haben uns ein neues ”Mittel geliefert, mit geringen Kosten und mit Materien, ”die man überall findet, jene leichte Flüßigkeit, welche die ”Bälle spannt, in hinlänglicher Menge, selbst für den ge”räumigsten Ball, zu erzeugen. Man hat die ausgezeichnet”sten Talente für die Mechanik und die größten Kenntnisse ”in der Weberkunst aufgeboten, um in Lyon einen bis dahin ”unbekannten Seidenstoff fabriciren zu lassen, der für die ”Aerostaten die Bedingungen von Leichtigkeit und Stär”ke in einem unerwarteten Grade in sich vereinigt. Es sind ”mehrere Compagnien von Aerostiers errichtet worden, ”man hat für ihren regelmäßigen Dienst neue Manoeuvres ”erdacht, und schon durch 34 Emporsteigungen dem Feinde ”Bewunderung abgedrungen — Bald werden alle unsere ”Armeen ihre Zelte, ihr Tauwerk, und ihre Compagnien ”von Aerostiers haben.“

Fourcroy erwähnt noch die ganze Anstalt werde von Morveau (Guyton), dem sie das meiste zu danken habe, in einem eignen Werke beschrieben werden, wovon die aufgefundenen Aussätze des in Maynz verstorbenen großen Mathematikers und Chemikers, Meunier, einen Theil ausmachen sollen.

Europäische Annalen von D. E. L. Posselt, Jahrgang 1795. Zweytes Stück. Tübingen, 8. S. 142—145.