Gehler, J. S. T.
Physicalisches Wörterbuch


Adhäston, Anhängen
Adhäston, Anhängen, Adhaesio, Adhésion, Adhérence.

Dieser Name wird dem allgemeinen Phänomen der Attraction in dem besondern Falle beygelegt, wenn zween verschiedene Körper bey ihrer Berührung mit einander, oder bey sehr geringer Entfernung von einander, so verbunden werden, daß eine äußere Kraft nöthig ist, um sie wieder zu trennen. Hauptsächlich wird dieser Name gebraucht, wenn von gedachten Körpern der eine flüßig, der andere fest ist, und man sagt alsdann, daß sich der flüßige an den festen anhänge.

So hängt sich das Wasser an den darein getauchten Finger oder an eine Glasröhre an: es bleibt nach dem Herausziehen etwas Wasser an dem eingetauchten Körper hängen. Man sagt im gemeinen Leben, der Finger oder das Glas werde naß oder benetzt; und das anhängende Wasser geht nicht herab, bis es durch eine äußere Kraft, durch Abreiben, durch die Wirkung der Wärme u. dgl. hinweggenommen, d. i. bis der benetzte Körper durch irgend eine äußere Einwirkung getrocknet wird. Alle dergleichen Benetzungen fester Körper mit flüßigen sind Beyspiele der Adhäsion bey einer wirklich vorgegangenen Berührung.

Das Wasser und andere Flüßigkeiten ziehen sich aber auch in Schwämmen, Löschpapier u. dgl., die man nur zum Theil eintaucht, nach und nach in die Höhe. Dies sind Beyspiele einer Adhäsion oder eines Anziehens, das auch in einiger, wiewohl sehr geringer, Entfernung schon wirksam ist.

Nothwendig müssen die Theilchen einer flüßigen Materie, welche sich an einen festen Körper anhängen, von dieses Körpers Oberfläche stärker angezogen werden, als sie unter sich selbst zusammenhängen. Denn die anhängenden Theile reissen sich ja von den übrigen los, um an dem Körper zu bleiben, oder sich an ihn zu hängen. Wenn daher die Wirkungen des Anhängens nicht erfolgen, so kann man schließen, daß die Theile der flüßigen Materie unter sich selbst stärker zusammenhängen, als sie von dem festen Körper angezogen werden. So muß der Zusammenhang der Theile des Quecksilbers unter einander selbst, stärker als ihr Anhängen an die Epidermis oder an das Glas seyn; denn der Finger oder die Glasröhre werden vom Quecksilber nicht benetzt, sondern trocken herausgezogen.

Quecksilber benetzt Bley, Gold, Silber und andere Metalle, da es hingegen Eisen, Glas rc. trocken läst. Wasser hängt sich an die meisten Körper, nur dann nicht, wenn ihre Oberflächen mit Oel und andern fetten Materien, mit Bärlapp oder Hexenmehl (semen lycopodii) rc. bedeckt sind. Schon diese wenigen Beyspiele zeigen, daß sich verschiedene Materien mit verschiedener Stärke anziehen, und daß das Anhängen bisweilen stärker, bisweilen schwächer, als der Zusammenhang der Theile flüßiger Körper unter einander selbst, sey. Einige Naturforscher haben hierüber das allgemeine Gesetz annehmen wollen, daß flüßige Massen mit specifisch schwereren festen Massen stärker, mit specifisch leichtern hingegen schwächer, als unter sich, zusammenhängen. Diese Behauptung wird zwar dadurch wahrscheinlich, daß schwere Flüßigkeiten, wie Quecksilber, sich nur an wenige, und an die schwersten festen Körper, leichte hingegen, wie Wasser, sich fast an alle feste Körper, hängen. Es ist aber die Allgemeinheit des Satzes bey weitem noch nicht erwiesen, und die Erfahrung stimmt nicht allezeit mit ihm überein; wenn man auch gleich die nöthige Einschränkung beyfügt, daß man ihn nicht von der specifischen Schwere der ganzen Zusammensetzung, sondern von der Schwere der einzelnen Theile der Körper verstehen müsse. Die einzelnen Theile eines Körpers nemlich können specifisch schwerer als Wasser seyn, wenn gleich der ganze Körper in seiner Zusammensetzung specifisch leichter, als dasselbe, ist.

Die Ursache der Adhäsion ist wohl ein für uns unerforschliches Geheimniß; ich beziehe mich hierüber gänzlich auf dasjenige, was unter dem Artikel Attraction hievon gesagt wird, und beguüge mich, dasjenige, was hier mit dem Namen Adhäsion bezeichnet wird, als ein unläugbares, durch unzählige Erfahrungen bewiesenes, Phänomen anzusehen.

Die Wirkungen der Adhäsion sind sehr zahlreich. Außer dem Benetzen oder Naßwerden eingetauchter Körper, gehören dahin noch folgende Phänomene.

Flüßige Körper nehmen in Gefäßen aus solchen Materien, welche von ihnen benetzt werden, keine vollkommen horizontale Oberfläche an; sie steigen vielmehr um den Rand der Gefäße herum etwas in die Höhe. In Gefässen hingegen, welche nicht von ihnen benetzt werden, stehen sie am Rande etwas tiefer, als in der Mitte. So hat Wasser im gläsernen Gefäße eine Oberfläche, die in der Mitte vertieft, und ringsumher am Rande des Glases aufwärts gekrümmt ist: Quecksilber im Glase hingegen zeigt eine in der Mitte erhabne und ringsumher am Rande unterwärts gekrümmte Oberfläche. Leicht auf dem Wasser schwimmende Körper bewegen sich dahin, wo des Wassers Oberfläche am höchsten steht; daher scheinen sie von dem Rande der Gefäße angezogen zu werden.

Tropfen einer flüßigen Materie zerfließen auf den Oberflächen solcher Körper, welche diese flüßige Materie benetzt; sie behalten hingegen ihre Kugelgestalt (welche nur durch das Gewicht der obern Theile des Tropfens ein wenig platt gedrückt wird) auf solchen Körpern, welche von ihnen nicht benetzt werden. So zerfließt Wasser auf Glas, Quecksilber auf Bley; eine platte Kugelgestalt aber behält das erstere auf Hexenmehle, auf polirten Metallflächen, auf den Blättern vieler Gewächse (daher die Thautropfen entstehen), auf fetten Flächen, das letztere auf Glase und den meisten Körpern überhaupt.

Wasser aus einem gläsernen Gefäße gegossen, läuft leicht am äußern Rande des Gefäßes herunter, besonders, wenn man langsam gießt, oder wenn das Gefäß sehr voll ist. Ein ausgeschweifter Rand oder geschneuzter Ausguß verhindert dies, weil er dem auslaufenden Wasser eine Richtung giebt, die es bey geschwindem Gießen schnell vom Glase abführt. Quecksilber hingegen läuft nie am Glase, wohl aber an metallenen Gefäßen herab.

Ein Wassertropfen, der an einem schief gehaltenen Glase auswendig herabrinnt, nimmt eine unregelmäßige Gestalt an, welche den Streit zwischen dem Gewichte, dem Zusammenhange und dem Anhängen seiner Theile an das Glas sehr deutlich zeigt.

Auch beym Durchfließen einer flüßigen Materie durch die engen Zwischenräume der Leinwand, des Löschpapiers u. dgl. muß diese Anziehung zwischen den Theilen beyder Körper das ihrige beytragen. So kan man Quecksilber in einem Beutel von Leinwand oder gar von Flor tragen, ohne daß es durchfließt, da doch das viel leichtere Wasser sogleich durchfließen würde. Durch das weit dichtere Leder läst sich Quecksilber mit mäßiger Kraft durchdrücken.

In sehr engen Röhren entstehen aus dem Anhängen der flüßigen Materien Wirkungen, welche besonders betrachtet zu werden verdienen. s. Haarröhren.

Auch die Luft hängt sich an die meisten festen Körper, und es kostet in solchen Fällen, wo sie hinderlich fällt, z. B. bey der Verfertigung der Barometer, nicht wenig Mühe, die Glasröhren ganz von der an ihnen anhängenden Luft zu befreyen.

Erxleben Anfangsgr. der Naturlehre. Sechster Abschnitt. §. 180 u. f.

Aeolipile s. Windkugel.