Gehler, J. S. T.
Physicalisches Wörterbuch


Achromatische Fernröhre
Achromatische Fernröhre

Tubi achromatici, Lunettes achromatiques heissen diejenigen Fernröhre, in welchen die Abweichung wegen der verschiedenen Brechbarkeit der Lichtstralen, s. Abweichung, dioptrische, vermieden, und der betrachtete Gegenstand ohne bunte Ränder und falsche Farben dargestellt wird. Das Wort achromatisch ist griechisch und bedeutet farbenlos, nicht färbend.

Newton, der die verschiedene Brechbarkeit der Lichtstralen entdeckt, und die daraus entstehende Abweichung der Gläfer mit Recht für die Hauptursache der Undeutlichkeit in den Fernröhren erkannt hatte, ließ sich bey dieser wichtigen Entdeckung dennoch zu einem Irrthume verleiten. Er glaubte nemlich, die verschiedenen bey der Brechung von einander gesonderten Farbenstralen würden von allen brechenden Mitteln in einerley allgemeinem Verhältniße zerstreut; wenn also die Brechung der Stralen von der mittlern Gattung bestimmt sey, so sey dadurch auch die Brechung derer von den äussersten Gattungen, d. i. der rothen und violetten gegeben, das brechende Mittel möchte seyn, welches man wolle. Diesen Satz sahe er als eine nothwendige Folge eines seiner Versuche an. Er glaubte nemlich gefunden zu haben (Newtoni Optice lat. redd. a Sam. Clarke. Lond. 1706. 4. L. I. Part. II. Exp. 8.), daß das Licht, durch wie vielerley verschiedene brechende Mittel es auch immer gehen möchte, allezeit weiß bleibe, wenn des Strales Richtung beym Ausgange der beym Eingange parallel sey; hingegen allezeit in Farben zerstreut werde, wenn der ausgehende Stral eine andere Richtung nehme, als er beym Eingange gehabt habe. Weil nun aus dem Objectivglase eines Fernrohrs die von entlegnen Punkten einfallenden Stralen so ausgehen müssen, daß sie nach dem Brennraume zusammenlaufen, und also ihre Richtung beim Ausgange nie mit ihrer Richtung beym Eingange in das Glas parallel bleiben kan, so hielt er es für eine entschiedene Unmöglichkeit, durch das Objectivglas eines Fernrohrs weisses Licht und ungefärbte Bilder zu erhalten. Er zog daher seine Gedanken von Verbesserung der Objectivgläser gänzlich ab, und verwendete alle seine Bemühungen blos auf die Spiegeltelescope.

Bey dem großen Ansehen, in welchem Newtons Behauptungen und Versuche standen, blieb die Frage von Vermeidung der Farbenzerstreuung bey Objectivgläsern auf achtzig Jahre lang unberührt, bis endlich Euler (Sur la perfection des verres objectifs des lunettes par M. Euler in den Mém. de l'acad. roy. des sc. de Prusse 1747. p. 274.) im Jahre 1747 den Vorschlag that, die Objectivgläser zu Vermeidung der Farbenzerstreuung aus verschiedenen Materien zusammenzusetzen, und statt eines Glases, deren zwey, mit dazwischen gefülltem Wasser, zu gebrauchen. Dieser Gedanke Eulers gründete sich theils auf einen von Newton selbst in anderer Absicht gegebnen Wink, theils auf die Betrachtung der Mittel, deren sich die Natur bey dem Baue des menschlichen Auges bedienet hat.

”Schon Newton, sagt Euler, hat vermuthet, ”daß Objectivgläser aus zwo Linsen, deren Zwischenraum ”mit Wasser angefüllt wäre, zur Verbesserung der Fern”röhren in Absicht auf die Abweichung wegen der ”Gestalt der Gläser dienen könnten: aber den Gedan”ken, daß man durch eben dieses Mittel den Raum ver”kleinern könne, durch welchen sich die Vereinigungspunkte ”der verschiedenen Farbenstralen ausbreiten, scheint er da”bey ganz und gar nicht gehabt zu haben. Mir hingegen ”ist es sogleich vom ersten Anfange wahrscheinlich gewesen, ”daß man durch gewisse Zusammensetzungen verschiede- ”ner durchsichtiger Mittel auch diesem Fehler werde abhel”fen können, und ich bin überzeugt, daß die verschie- ”denen Feuchtigkeiten in unserm Auge so geord- ”net sind, daß durch dieselben die Ausbreitung ”und Zerstreuung der Vereinigungspunkte gänz- ”lich gehoben wird. Dies ist, so viel ich glaube, eine ”ganz neue Seite, von welcher der Bau des Auges unsere ”Bewunderung verdient; denn wäre es nur darauf ange”kommen, Bilder der Gegenstände im Auge darzustellen, ”so wäre dazu ein einziger durchsichtiger Körper hinreichend ”gewesen, wofern er nur die dazu nöthige Gestalt gehabt ”hätte: sollte aber das Auge ein vollkommnes Werkzeug ”seyn, so musten mehrere verschiedene durchsichtige Ma”terien dazu gebraucht, und in gehöriger Gestalt nach den ”Regeln der erhabensten Geometrie verbunden werden, da”mit die Deutlichkeit des Bildes nicht durch die verschie”dene Brechbarkeit der Stralen gestört würde.“ Diese scharfsinnige Bemerkung über die Absicht des Schöpfers bey dem Bau des Auges ist für Eulern höchst rühmlich; inzwischen ist sie schon längst vor ihm von David Gregory (Catoptricae et Dioptricae elementa, Oxon. 1697. 8.) gemacht, und als Vorschlag zur Verbesserung der Fernröhre vorgetragen worden; allein man hat sie damals gleichgültig übersehen. Euler untersuchte durch Rechnung, welche Gestalten und Verhältnisse solche aus Glas und Wasser zusammengesetzte Objectivgläser erforderten; aber die nach seinen Rechnungen angestellten Proben hatten nicht den gewünschten Erfolg.

Inzwischen erregte Eulers Abhandlung die Aufmerksamkeit des John Dollond, eines geschickten englischen Künstlers, der diese Rechnungen sorgfältig durchgieng, aber sie nothwendig falsch finden muste, weil er sie nach Newtons Grundsätzen prüfte. Euler wagte noch nicht, Newtons Versuche zweifelhaft zu machen, er begnügte sich blos im Allgemeinen zu antworten, daß sich der Bau des Auges gar nicht würde erklären lassen, wenn man nach Newtons Beyspiele die Vermeidung der Farbenzerstreuung bey allen Brechungen durch erhabne Gläser für unmöglich erklären wollte.

Endlich rückte Herr Klingenstierna im Jahre 1754. in den sechszehnten Band der schwedischen Abhandlungen eine geometrische Prüfung des obenangeführten newtonischen Versuchs ein (Anmerkung über das Gesetz der Brechung bey Lichtstralen von verschiedener Art, wenn sie durch ein durchsichtiges Mittel in verschiedene andere gehen, von Samuel Klingenstierna in den schwedischen Abhdl. 1754. der deutschen Uebers. S. 300.), worin er bewieß, daß, wenn dieser Versuch eine allgemeine Richtigkeit hätte, daraus nicht einerley bestimmtes Gesetz der Farbenzerstreuung, sondern unzählige verschiedene Gesetze folgen würden, die sowohl gegen einander selbst, als gegen das von Newton angenommene stritten; und daß vielmehr das Licht nach dem Durchgange durch verschiedene Mittel noch gefärbt seyn könne, wenn gleich der ausfahrende Stral|mit dem einfallenden parallel sey.

Durch diese sehr gründlich angestellte Untersuchung ward Dollond selbst bewogen, an der Richtigkeit des newtonischen Versuchs zu zweifeln, und zur Anstellung eigner Versuche überzugehen. Er küttete daher zwo Glasscheiben mit den Rändern so zusammen, daß daraus ein prismatisches Gefäß entstand, kehrte dessen Schärfe niederwärts, stellte ein gläsernes Prisma mit der einen Schärfe aufwärts hinein, und füllte den übrigen Raum mit Wasser an. Wenn nun der Winkel, den beyde Glasscheiben mit einander machten, gerade so groß war, daß ein Gegenstand, durch dieses doppelte Prisma betrachtet, eben so hoch, als mit bloßen Augen, erschien, also beyde Brechungen, die durchs Glas, und die durchs Wasser geschehene, einander aufhoben, und der ausgehende Stral dem einfallenden parallel war, so sollte nach Newtons Grundsätzen der Gegenstand in seiner natürlichen Farbe erscheinen. Allein er erschien vielmehr eben so stark mit prismatischen Farben umringt, als ob er durch ein einziges gläsernes Prisma mit einem Winkel von etwa 30° wäre betrachtet worden. Hiebey hatte also Dolland eine starke Färbung ohne Brechung erhalten, und konnte es also nicht mehr für unmöglich ansehen, auch eine Brechung ohne Farben zu bewerkstelligen.

Er erhielt diese auch wirklich, da er einen Keil von gemeinem Tafelglase, dessen Winkel etwa 9° betrug, eben so, wie vorhin das gläserne Prisma, in ein keilförmiges mit Wasser gefülltes Gefäß aus zwey Glasscheiben setzte. Denn, wenn er nun den Winkel beyder Glasscheiben so lang vergrößerte, bis der betrachtete Gegenstand ohne fremde Farben erschien, so sahe er denselben weit von dem Orte verrückt, an welchem er dem bloßen Auge würde erschienen seyn. Es war also klar, daß die Farbenzerstreuungen einander aufgehoben hatten, obgleich die Brechungen von einander verschieden waren; also ward Newtons Satz, vermöge dessen sich die Farbenzerstreuungen, wie die Brechungen, verhalten sollten, dadurch hinlänglich widerlegt.

Dollond fieng daher an, zu vermuthen, daß dasjenige, was er hier bey den Brechungen durch Wasser und Glas wahrgenommen hatte, auch bey Brechungen durch verschiedene Glasarten statt finden werde, und nahm sich daher vor, Prismen von verschiedenen Glasarten zu schleifen und an einander zu legen, um zu sehen, ob auch hiebey die Brechung in andern Verhältnissen, als die Farbenzerstreuung, verschieden seyn würde. Sobald er dies im Jahre 1757 vorgenommen hatte, zeigten sogleich die ersten Proben, daß die Sache die äußerste Aufmerksamkeit verdiene. (An Account of some experiments concerning the different refrangibility of light, by Mr. Iohn Dollond in den Philos. Transact. Vol. L. Part. II. p. 733.)

Er fand nemlich das Verhältniß der Farbenzerstreuung gegen die Brechung in einigen Glasarten weit stärker verschieden, als er zu hoffen gewagt hatte. Besonders war dieser Unterschied bey zwoen Glasarten sehr beträchtlich. Das englische Krystallglas oder Flintglas, eine sehr helle und weiße Glasart, zerstreute die Farben am stärksten, eine andere mehr grünliche, das Crownglas, am wenigsten, da doch beyder Brechungen fast gleich waren. Diese Entdeckung suchte Dollond sogleich zu Verbesserung der Fernröhren zu nützen. Er fieng an, Objectivgläser aus diesen beyden Glasarten zusammenzusetzen, welche das Licht ohne Farben brechen sollten. Damit die beyden mit einander verbundenen Gläser das Licht nach entgegengesetzten Seiten zerstreuen möchten, muste das eine ein erhabnes, das andere ein Hohlglas seyn; und da die Stralen sich wirklich in einen Punkt der Axe vereinigen sollten, so muste das erhabne die stärkste Brechung verursachen, und daher aus derjenigen Glasart verfertiget werden, welche bey stärkerer Brechung dennoch nur eine gleich große Farbenzerstreuung giebt, indem beyder Gläser Farbenzerstreuungen einander aufheben, und also gleich groß seyn musten. Diese Betrachtungen zeigten ihm, daß er seine Objectivgläser aus einem Hohlglase von Flintglas und einem erhabnen von Crownglas zusammensetzen müsse. Dieser sichern Gründe ohngeachtet fand er doch bey der Ausführung selbst noch unzählbare Schwierigkeiten, die er endlich durch anhaltende Geduld und ungemeine Geschicklichkeit überwand, und sich im Jahre 1755 im Stande sahe, Fernröhre mit so großen Oefnungen, und so starken Vergrößerungen, in Vergleichung mit ihrer Länge, zu verfertigen, daß sie nach dem Urtheile der besten Kenner alles, was man bisher geleistet hatte, bey weitem übertrafen.

Der Ruf von dieser Entdeckung und von den neuen Dollondischen Fernröhren verbreitete sich bald unter den Naturforschern und Künstlern. Weil aber Dollond die Verhältnisse, nach welchen die Gläser seiner Objectivlinsen gekrümmt und zusammengesetzt waren, nicht bekannt machte, so suchte Clairaut, der sich schon vom Anfange des Streits viel mit dieser Sache beschäftiget hatte, eine vollständige auf einige Versuche gegründete Theorie davon auszuarbeiten, welche man in den Memoires de l' academie royale des Sc. à Paris von den Jahren 1756 und 1757 findet. Diese Arbeit hat nachher d'Alembert im dritten und vierten Bande seiner Opuscules mathematiques und in den Mém. de l' acad. des sc. in den Jahren 1764, 1765, 1767 vollständiger ausgeführt. Im Jahre 1762 gab die Akademie der Wissenschaften zu Petersburg die Preißfrage auf: wie die Unvollkommenheiten der optischen Werkzeuge, welche von der verschiedenen Brechbarkeit und der Kugelgestalt herrühren, zu heben seyen? wobey die Abhandlung des Herrn Klingenstierna (Tentamen de definiendis & corrigendis aberrationibus luminis in lentibus sphaericis refracti, et de persiciendo telescopio dioptrico. Petrop. 1762. gr. 4.) den Preiß erhielt. Ohngeachtet aber diese großen Mathematiker fast alles erschöpft hatten, was die Rechnung in diesem Fache leisten kann, so waren doch ihre Arbeiten den Künstlern gröstentheils unbrauchbar, und die Engländer verfertigten ohne Anwendung dieser Formeln weit bessere Fernröhre, als von den Ausländern, selbst unter unmittelbarer Aufsicht dieser geschickten Rechner, konnten zu Stande gebracht werden.

Euler, welcher zu dieser Entdeckung die erste Veranlassung gegeben hatte, war jezt gerade derjenige, der sich am schwersten von der Richtigkeit der Dollondischen Versuche und Erfindungen überzeugen ließ. Er hatte schon im Jahre 1747 in den Mém. de l' acad. des sc. de Prusse eine Theorie der Farbenzerstreuungen festgesetzt, mit welcher Dollonds Versuche gar nicht übereinstimmten. Er schrieb daher die außerordentlichen Wirkungen der Dollondischen Fernröhre, von welchen er durch unwidersprechliche Zeugnisse überführt ward, blos der Krümmung der Dollondischen Gläser zu, welche durch einen glücklichen Zufall so ausgefallen sey, daß sie eben dieselbe Wirkung thun würden, wenn sie auch nur aus einerley Glasart bestünden. Endlich aber ward er durch die Versicherungen, die ihm Clairaut von der Richtigkeit der Dollondischen Versuche gab, bewogen, seine Theorie aufzugeben, und fieng nunmehr selbst an, die Dollondische Erfindung durch eigne Berechnungen aufzuklären, und Vorschläge zum Gebrauch in der Ausübung anzugeben. Aus seinen vielen akademischen Abhandlungen hierüber ist seine Dioptrik (Leonh. Euleri Dioptrica, Petrop. et Lips. 1771. To. II. gr. 4.) entstanden, aus welcher Herr Fuß in Petersburg zum Gebrauch der Künstler einen Auszug von Vorschlägen zu achromatischen Fernröhren in französischer Sprache herausgegeben hat. (Nik. Fuß umständliche Anweisung, wie alle Arten von Fernröhren in der grösten möglichen Vollkommenheit zu verfertigen sind, aus dem Franz. von G. S. Klügel. Leipzig, 1778. 4.)

Im Jahre 1758 trieb Dollond die Verbesserung der Fernröhre noch höher, indem er seine Objectivlinsen aus drey Gläsern zusammenzusetzen anfieng. Sein Sohn Peter Dollond hat nachher diese dreyfachen Objectivgläser in noch größerer Vollkommenheit verfertiget. Sie bestehen aus zween erhabnen Linsen von Crownglas und einer dazwischen stehenden hohlen von Flintglas, s. Taf. I. Fig. 7. Sie werden zu galiläischen Fernröhren mit einem hohlen, zu astronomischen mit zwoen, und zu Erdfernröhren mit noch mehrern erhabnen Augengläsern verbunden. Ich will hier aus der angeführten Schrift des Herrn Fuß die Abmessungen dreyer achromatischen astronomischen Fernröhre mittheilen, welche bey geringer Länge dennoch ungemein starke Vergrößerungen mit gehöriger Deutlichkeit geben. Vergrößerung im Durchmesser2560320I. Brennweite des Objectivglases6,251580Durchmesser der Apertur -1,002,4012,80Der ersten convexen Linse von Crownglas Brennweite2,786,6835,64Halbmesser der Vorderfläche5,3212,7068,04- - der Hinterfläche2,044,9026,14Abstand der Mitte dieser Linse von der Mitte der zweyten0,140,341,81Der zweyten auf beyden Sei- ten gleich viel vertieften Linse von Flintglas Brennweite1,704,0821,73Halbmesser jeder ihrer Flächen1,974,7325,22Abstand ihrer Mitte von der Mitte der dritten Linse -0,140,341,81Der dritten auf beyden Seiten gleich viel erhabnen Linse von Crownglas Brennweite2,756,6135,23Halbmesser jeder ihrer Flächen2,927,0037,35II. Abstand des Objectivs vom ersten Ocular - -6,0014,7579,74III. Des ersten Oculars von Crownglas Brennweite -0,470,490,51Halbmesser jeder der beyden Flächen - -0,500,520,54IV. Abstand des ersten Oculars vom zweyten -0,330,340,34V. Des zweyten Oculars von Crownglas Brennweite -0,170,170,17Halbm. jeder der beyden Flächen0,180,180,18VI. Entfernung des Auges vom lezten Ocular - -0,090,090,09VII. Durchmesser des Gesichts- feldes - - -2°13′56 1/2′10 2/3′VIII. Länge des Fernrohrs -6,8416,2085,60

Nimmt man hiebey 1 Zoll für die Einheit an, so kan durch ein sieben Fuß langes Fernrohr eine 320 fache Vergrößerung im Durchmesser erhalten werden, wozu sonst, ohne Gebrauch eines achromatischen Objectivglases, eine Länge von 200 Fuß nöthig gewesen wäre, welche das Fernrohr ganz unbrauchbar würde gemacht haben. Sollte man ja bey einer so kleinen Einheit, als 1 Zoll ist, die bis auf Hunderttheile vorgeschriebene Genauigkeit der Maaße zu verfehlen fürchten, so wird man, durch Annehmung einer Einheit von 2 Zollen, noch immer die 320 fache Vergrösserung bey einer Länge von 14 Fuß, und die 60 fache bey einer von 3 Fuß erhalten können.

Man kan die dreyfachen Objectivgläser, welche weit mehr, als die doppelten, leisten, leicht von den letztern unterscheiden, wenn man ihnen ein Licht vorhält, dessen Flamme sich in jeder Glasfläche spiegelt, und also bey dem dreyfachen Objectivglase sechsfach, bey dem doppelten nur vierfach erscheint. Unter diesen Bildern der Lichtflamme sind beym dreyfachen Objectivglase drey umgekehrte, weil die Flächen 2, 3, 6, Taf. I. Fig. 7. gegen das vor 1 gehaltene Licht zu hohl sind; die übrigen drey Bilder erscheinen aufrecht.

Die englischen Künstler, vorzüglich beyde Dollonds, Ramsden, Pyefinch u. a. haben solche achromatische Fernröhre seit ihrer Erfindung jederzeit in grosser Vollkommenheit verfertiget, ob sie sich gleich dabey mehr auf Proben und Versuche (tâtonnement) verlassen, als etwa die von Clairaut, d'Alembert und Euler angegebnen Formeln und Berechnungen gebraucht haben. Herr Bernoulli (Lettres astronomiques. Berlin 1771. 8. lettre 5.) meldet, ihm sey von glaubwürdigen Personen versichert worden, daß der jüngere Dollond eine große Menge Linsen von beyderley Glasarten auf Gerathewohl zu schleifen, und so lang verschiedentlich zu combiniren pflege, bis er eine Zusammensetzung finde, die im verfinsterten Zimmer ein scharf begrenztes farbenloses Bild gebe; ja Dollond habe ihm selbst gesagt, daß er fast alles durch praktische Vortheile und durchs Probiren ausrichte. Die Ursache, warum man mit der Theorie allein nicht weit komme, sey der erstaunliche Unterschied unter den Glasmassen. Man pflege in den englischen Glashütten das Glas in hohle Cylinder zu rollen, aus welchen die dasigen Optiker, denen man dies erlaube, sich leicht die besten aussuchen könnten: hernach aber schmelze man die übrigen Cylinder in ganze Massen mit unebnen Oberflächen zusammen, an welchen kein Mensch sehen könne, ob das Glas Blasen oder Streifen habe, oder nicht. Auswärtige Künstler könnten das Glas fast nie anders, als in der letzten Gestalt, erhalten, und bekämen es daher meistentheils so schlecht, als möglich. Aehnliche Klagen findet man in Macquer's chymischem Wörterbuche unter dem Artikel: Verglasung. Nach Herrn Kästners Anführen (Anfangsgr. der angewandten Mathematik, dritte Auflage. Göttingen, 1780. Dioptrik. S. 314.) klagen sogar die englischen Künstler, daß das Flintglas in England selbst schon lange nicht mehr in der vorigen Vollkommenheit verfertiget werde.

Man hat über die Bestandtheile der oftangeführten beyden Glasarten, des Flintglases und Crownglases, Untersuchungen angestellt, und Compositionen von gleicher Wirkung ausfindig zu machen gesucht. Johann Ernst Zeiher, nachmaliger Professor der Mathematik zu Wittenberg, entdeckte noch während seines Aufenthalts in Rußland, daß die Farbenzerstreuung der Glasarten stärker werde, wenn man viel Bleykalch zu der Zusammensetzung derselben nehme (s. seine Abhdl. von denjenigen Glasarten, welche eine verschiedene Kraft, die Farben zu zerstreuen, besitzen. Petersburg 1763. 4.), ingleichen, daß ein Zusatz von Laugensalzen zu einem Gemenge von Bleykalch und Kiesel die Brechungskraft des Glases vermindere, ohne die Farbenzerstreuung im geringsten zu ändern. Er verfertigte auf diese Art ein Glas, welches das englische Flintglas in Absicht dieser Wirkungen zu Verbesserung der Fernröhre noch weit übertreffen sollte, weil es das Licht dreymal so stark, als das gemeine Glas, zerstreute, da doch das Verhältniß der mittlern Brechung nur etwas weniges mehr, als beym Flintglase betrug. Inzwischen haben diese an sich merkwürdige Entdeckungen den Künstlern wenig Vortheile verschaft, theils weil es bey uns Schwierigkeiten macht, solche ungewöhnliche Glascompositionen nach den gehörigen Verhältnissen auf den Glashütten zu erhalten, theils weil die Hauptsache auf Vermeidung der Adern und Streifen ankömmt, welche dergleichen aus Materien von sehr verschiedener Dichte zusammengesetzte Glasarten noch weit häufiger, als das gewöhnliche Glas, annehmen. Man s. hievon den Artikel: Flintglas. Statt des Crownglases haben die Künstler, welche außerhalb Englands achromatische Fernröhre verfertiget haben, ihre einheimischen Glasarten gebrauchen können; das Flintglas aber hat man mehrentheils aus England kommen lassen. Inzwischen hat die Unvollkommenheit der Glasarten noch bisher den grösten Theil der Vortheile verhindert, welche die Dollondische Erfindung im ersten Anfange zu versprechen schien.

Wie groß übrigens schon diejenigen Vortheile sind, die man wirklich erhalten hat, wird folgende Vergleichung lehren. Nach Herrn le Gentil (Mém. de l' acad. des sc. de Paris. 1755. p. 462.) vergrößerte sein Fernrohr von 18 pariser Fuß Länge 63mal, und da sich sonst die Längen, wie die Quadratzahlen der Vergrößerung, verhalten musten, so würde eine 126 fache Vergrößerung 72 Fuß Länge erfordert haben. Das achromatische Fernrohr des Herrn Messier hingegen (Mém. de l' acad. des sc. 1775. p. 213.) vergrößerte 120mal bey einer Länge von 40 Zollen, d. h. es that fast gleiche Wirkung mit dem vorigen, ob es gleich über 21 mal kürzer war. Man kan nemlich durch achromatische Fernröhre bey einer sehr geringen Länge dennoch weit beträchtlichere Vergrößerungen, ohne Schaden der Deutlichkeit, erhalten; und obgleich die Spiegeltelescope eben dieses auch leisten, so behalten doch die Fernröhre den Vorzug, daß sie die Gegenstände lebhafter darstellen, auch wohlfeiler und von unwandelbarerer Dauer sind.

Priestley's Geschichte und gegenwärtiger Zustand der Optik durch G. S. Klügel. S. 339. u. f. I. E. Zeiher programmata II. de novis dioptricae augmentis. Viteb. 1768 et 1773. 4.