Gehler, J. S. T.
Physicalisches Wörterbuch


Abweichung wegen der verschiedenen Brechbarkeit der Lichtstralen
Abweichung wegen der verschiedenen Brechbarkeit der Lichtstralen, Aberratio ob diversam refrangibilitatem lucis, Aberration de refrangibilité.

Diese Abweichung rührt daher, daß die Lichtstralen nach Newtons Entdeckung bey der Brechung zertheilt, und in Stralen von verschiedenen Farben zerstreut werden, deren einige eine stärkere, andere eine geringere Brechung leiden. s. Brechbarkeit, Farbenzerstreuung. Daher werden unter den von einem Punkte ausgehenden Stralen einige näher, andere weiter hinter dem Glase vereiniget, und es entstehen so viele Bilder des Gegenstandes, als das Licht Farben enthält. Das von den blauen oder violetten Stralen entstandene Bild steht dem Glase am nächsten, wie bey B Taf. I. Fig. 6; das von den rothen Stralen gebildete am weitsten bey R. Beyder Abstand BR beträgt, wenn die Stralen nahe bey der Axe DC einfallen, ohngefähr (1/30) von BC, sonst noch mehr. Bey den im Jahre 1774 in Paris angestellten Versuchen mit einer holen mit Weingeist gefüllten Linse, von welcher nur ein 6—7 Lin. breiter Ring am Rande offen gelassen war (s. Brennglas), fand Brisson (Mem. de Paris 1774.) die Entfernung des Vereinigungspunkts der Sonnenstralen vom Mittelpunkte der Linse Sch.Zoll.Lin.für rothe Stralen——10311 1/2— orangegelbe——10210— gelbe——1023— blaue——9710 1/2— violette——964 1/2 wo BR, 9 Zoll 7 Lin., oder (1/12) von BC ausmacht.

Da sich nun die von einem Punkte kommenden Stralen auf die in der Figur deutlich vorgestellte Art durchkreuzen, so kan weder in B oder R selbst, noch irgendwo zwischen diesen Punkten, ein deutliches Bild des stralenden Punktes entstehen. In B z. B. wird das deutliche Bild, welches die blauen Stralen machen, mit Lichte von andern Farben, und am Rande mit rothem Lichte aus eben dem Punkte des Gegenstandes, umgeben seyn; daher diese Abweichung dem Bilde zugleich falsche Farben und farbigte Ränder giebt.

Sobald Newton diese Abweichung entdeckt hatte, berechnete er, daß sie bey den gewöhnlichen Fernröhren auf die Undeutlichkeit des Bildes 5000mal stärker wirke, als die Abweichung wegen der Gestalt des Glases, daß sie also das vornehmste Hinderniß ausmache, welches der Vollkommenheit der Fernröhre im Wege stehe, von denen es, wie er sagt, zu verwundern sey, daß sie die Gegenstände noch so deutlich zeigten, als es wirklich geschähe.

Er dachte nunmehr auf Mittel, diese Abweichung aufzuheben, ward aber unglücklicher Weise durch gewisse von ihm angestellte Versuche und daraus gefolgerte Sätze verleitet, es für unmöglich zu halten, daß man jemals bey Gläsern die Wirkung der Farbenzerstreuung werde aufheben können. Er gieng von dieser Zeit an ganz von den Gedanken an die Verbesserung der Gläser ab, und schlug statt der Fernröhre mit bloßen Gläsern die mit Spiegeln vor, s. Spiegeltelescop, weil bey der Zurückprallung des Lichts von Spiegeln keine Farbenzerstreuung statt findet. Dadurch ist die weitere Untersuchung dieser Materie beynahe um ein ganzes Jahrhundert verspätiget worden.

Endlich machte in neuern Zeiten, auf eine von Herrn Euler gegebne Veranlassung, der englische Künstler Dollond die wichtige Entdeckung, daß es allerdings möglich sey, die Farbenzerstreuung auch bey Fernröhren mit Gläsern zu vermeiden, wenn man zu dieser Absicht die Gläser aus verschiedenen Glasarten zusammensetze. Hierauf gründet sich die Erfindung der Dollondischen achromatischen Fernröhre, in welchen die Abweichung wegen der Farbenzerstreuung vermieden wird, wovon man den Artikel: Achromatische Fernröhre, nachsehen kan.