Gehler, J. S. T.
Physicalisches Wörterbuch


Abendweite
Abendweite, Amplitudo occidua, Amplitude occase ou occidentale.

Taf. I. Fig. 1. Die Abendweite OS ist der Abstand des Punktes S, in welchem ein Gestirn untergeht, vom wahren Abendpunkte O. Dieser Abstand ist, wie die Figur zeigt, ein Bogen des Horizonts HR. Ist derselbe, wie in der Figur, von O aus gegen Mitternacht gerichtet, so heist die Abendweite nördlich (septemtrionalis); gienge aber das Gestirn in S unter, daß OS von O aus nach Mittag gekehrt wäre, so hieße die Abendweite südlich (meridionalis). Man sieht leicht, daß die Gestirne in der nördlichen Halbkugel AOQP eine nördliche, hingegen die in der südlichen Halbkugel AOQp eine südliche Abendweite haben.

Um die Abendweite OS eines Gestirns zu finden, muß sein Abstand vom Aequator DS oder seine Abweichung, nebst der Aequatorhöhe des Orts, welche dem Winkel O gleich ist, gegeben seyn. Dann ist im Dreyeck ODS sin O: sin DS= sin tot: sin. OS, wo OS nördlich oder südlich ist, je nachdem DS das eine oder das andere ist. Für sin. tot=1, giebt dies die Formel sin. Abendw.=(sin. Abweich./sin. Aequatorh.)=(sin. Abweich./cos. Polhöhe)

Vermittelst dieser Formel läßt sich eine Tafel berechnen, in welcher man für die Polhöhe eines jeden Orts und die Declination eines jeden Gestirns die zugehörige Abendweite aufschlagen kan, dergleichen sich in der berliner Sammlung astronomischer Tafeln (Band III. S. 255) unter dem Titel: Tafel für die Weiten in Ost und West, findet.

Für Leipzig, dessen Polhöhe 51° 19′ 41″ ist, findet man die Abendweite der Sonne am längsten und kürzesten Tage (wo die Abweichung = 23° 28′ 8″ beträgt) = 39° 35′ 39″. An den Tagen der Nachtgleichen hingegen ist die Abendweite der Sonne=0.

Die Berechnung der Abendweiten der Sonne nützt vorzüglich den Seefahrern zu Beobachtung der Abweichung der Magnetnadel.